artifex 03/2026: Naturismus
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NACKT IN DER ÖFFENTLICHKEIT - Die rechtliche Seite
Nackt in der Öffentlichkeit - das löst zumindest neugieriges Nachfragen aus, aber in manchen Fällen mündet das in Streit und landet in Einzelfällen vor Gericht. (Foto: © Seb Chebassier_F4N_Aranaoutchot)
Nacktwanderer erleben es immer wieder, wenn sie auf ihren Touren auf angezogene Spaziergänger treffen. Sie rufen empört die Polizei. Tauchen die Ordnungshüter dann auf, erleben die Hilferufenden eine echte Überraschung: Denn sie bekommen zu hören, dass die Unbekleideten »nur« nackt sind – und das ist zumindest nicht verboten!
»Tatsächlich gibt es kein Gesetz gegen Nacktheit in der Öffentlichkeit«, weiß Samuel Vuattoux-Bock, Jurist und Vorstandsmitglied bei GetNakedGermany. »Ein Freibrief, überall nackt herumzulaufen, ist das aber nicht.« Denn der Haken findet sich im sogenannten Ordnungswidrigkeitengesetz, genauer: im Paragraph 118. Der verbietet die Belästigung der Allgemeinheit und die Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung: »Ordnungswidrig handelt, wer eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen.«
Der liebe Nachbar
Hier kommen die Nachbarn ins Spiel. Die Angezogenen argumentieren gerne mit den guten Sitten, dass sich Nacktheit in der Öffentlichkeit nicht gehöre. Tatsächlich können sich andere Menschen durch zu viel Nacktheit gestört fühlen – und zwar berechtigt. Die Folge: Allzu freizügiges Sonnenbaden belästigt dann doch die Allgemeinheit. Diese Ordnungswidrigkeit kann dann schon mal ein Bußgeld zwischen fünf und 1.000 Euro nach sich ziehen. Weil das Interpretationssache ist, landen Fälle vor Gericht und mal wird der Nackte verurteilt, mal freigesprochen (siehe dazu S. 31 »Fünf Urteile«).
Wenn Nacktheit zur Straftat wird
Nackt in der Öffentlichkeit kann sogar eine Straftat sein, wenn es sich um Exhibitionismus handelt – was selbstverständlich echten Naturisten fern liegt. Sie setzen grundsätzlich auf eine nichtsexuelle Nacktheit. Beim Exhibitionismus, dem Entblößen zum sexuellen Lustgewinn, greift direkt das Strafgesetzbuch. Der Paragraph 183 ist da – zu Recht – unerbittlich, dem Täter drohen Geldstrafen und im Extremfall sogar Freiheitsentzug bis zu einem Jahr. Interessant: Das Gesetz kennt tatsächlich nur den Mann, was im Umkehrschluss heißt, dass Frauen nicht wegen Exhibitionismus belangt werden können.
Nacktwanderer hingegen erleben bei Begegnungen mit Angezogenen in der Regel positives Feedback. Schließlich ist FKK in Deutschland weitgehend akzeptiert und kommen die Gruppen ins Gespräch, können sie später nette Anekdoten erzählen. Es gilt aber auch: »Wer Auseinandersetzungen vermeiden will, sollte bei Nacktwanderungen wenig frequentierte Wege oder einen der drei offiziellen Nacktwanderwege nutzen«, rät GNG-Rechtsexperte Vuattoux-Bock.
Streitfall nackt im Auto
Eine ähnliche Thematik betrifft das Autofahren, weil immer wieder Naturisten auch gerne nackt ihr Fahrzeug bewegen wollen. Hier gilt: Es ist nicht verboten. Allerdings sollte der Mensch am Steuer stets in der Lage sein, sein Fahrzeug zu beherrschen – und gerade barfuß kann das schon kritisch werden, wenn eine Vollbremsung erforderlich sein sollte und man zum Beispiel wegen nasser Füße abrutscht. Kommt es zu Schäden, kann der Barfußfahrer durchaus in Mithaftung genommen werden.
»ALLZU FREIZÜGIGES SONNENBADEN BELÄSTIGT DANN DOCH SCHON MAL DIE ÖFFENTLICHKEIT UND FÜHRT ZU STREIT.«
Achtung: Das gilt nur für private Fahrten. Denn wer dienstlich unterwegs ist, muss sich an die Unfallverhütungsvorschriften halten. Hier gilt der Paragraph 44: Der Fahrer muss nicht nur auf dem Fahrerplatz sitzen, sondern auch noch »zum sicheren Führen des Fahrzeuges den Fuß umschließendes Schuhwerk tragen«.
Nackt auf eigenem Grundstück
Etwas diffiziler wird es, geht es um Nacktheit auf dem eigenen Grundstück und in der eigenen Immobilie. Grundsätzlich gilt, dass auf dem eigenen Grundstück alles erlaubt ist, was nicht gegen Recht und Gesetz verstößt. In Sachen Naturismus führt das Nacktbaden auf dem Balkon oder im eigenen Garten immer wieder zu Nachbarkeitsstreitigkeiten. Meist lautet die Kernfrage: Wie einsehbar sind der Balkon, die Terrasse oder der Garten? »Auch hier gilt, dass es sicherer ist, grundsätzlich mit Sichtschutz zu arbeiten, wenn die Nachbarschaft einen guten Einblick auf die Immobilie hat«, so Vuattoux-Bock. Dabei dürfen Mieter sogar einen Sichtschutz installieren. Er sollte allerdings zum Haus passen, urteilte das Amtsgericht Neubrandenburg am 10. Oktober 2006 (Aktenzeichen 6 C 162/06).
Frauen dürfen oben ohne
Einen richtigen Schub hat die Rechtslage durch zwei interessante Urteile in Berlin bekommen. Da haben sich Frauen das Recht erkämpft, sich wie Männer oben ohne in einem Schwimmbad und auf einem Wasserspielplatz zu bewegen. In der Begründung folgten die Rechtsvertreter der Argumentation, dass es eine Diskriminierung sei, wenn Frauen nicht oben ohne herumlaufen dürfen. Denn beim Busen handelt es sich nicht um primäre Geschlechtsmerkmale.
Durchgesetzt hat dieses Urteil Gabrielle Lebetron. Denn als sie ihr Oberteil auf einem Wasserspielplatz entfernt hatte, kam der Wachdienst und bat sie zunächst, es wieder anzulegen. Nach ihrer Weigerung verwies der Wächter sie des Platzes, was sie sich wiederum nicht gefallen ließ, und sie zog vor das Kammergericht Berlin. Die zuständige Richterin sah im unterschiedlichen Bekleidungszwang für Männer und Frauen eine Diskriminierung (Aktenzeichen 9 U 94/22).
Auch die Berliner Ombudsstelle der Landesstelle für Gleichbehandlung schlug in die gleiche Kerbe. Im Dezember 2022 hatte sich eine Frau bei der Ombudsstelle beschwert, weil sie »oben ohne« schwimmen wollte, aber das Personal der Berliner Bäder-Betriebe sie darauf hinwies, dass es verboten sei. Aber: Tatsächlich heiße die Vorgabe einer Badebekleidung im Schwimmbad nicht, dass eine Frau grundsätzlich ihre Brust zu bedecken habe. Im Klartext: Frauen dürfen aus Gründen der Gleichberechtigung oben ohne baden – und als Folge änderten nicht nur die Berliner Bäder-Betriebe ihre Hausordnungen, auch viele Bäder in anderen Städten zogen nach.
artifex 03/2026: Naturismus - Seite 30