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Eine Einführung in den Naturismus

FREIHEIT ohne Kleidung

Freikörperkultur und Naturismus ist mehr als nur ohne Kleidung zu sein. Eine kleine Vorstellung eines Lebensgefühls.

TEXT
STEFAN BUHREN

Wie fange ich eigentlich mit dem Naturismus an? Die Antwort auf diese simple Frage ist eigentlich ebenso simpel: einfach ausziehen. Und dann den ganzen Tag genau das zu machen, was man ohnehin getan hätte, aber eben nackt. Das Problem: Sobald andere Menschen dabei sind, ist der erste Reflex: Geht ja gar nicht – die sehen mich ja nackt! Der Gedanke, dass es umgekehrt genauso ist (wenn sie ebenfalls mitmachen), kommt oft erst gar nicht auf. Dabei gibt es eine klassische Situation, in der das für viele eigentlich selbstverständlich ist: beim Besuch einer Sauna.

Foto: © Seb Chebassier_F4N_EuronatFoto: © Seb Chebassier_F4N_Euronat

Für Anhänger der Freikörperkultur und Naturisten ist die Tatsache, alleine oder in einer Gemeinschaft nackt zu sein, viel mehr als sich einfach auszuziehen. »Es geht um ein Lebensgefühl, eine Einstellung«, sagt Jeannette Langner, Vorstandsvorsitzende des 2022 gegründeten Vereins GetNakedGermany. Und genau das trennt die Menschen zwischen denen, die es gerne machen, und denen, die es ablehnen. Langner: »Nacktheit als etwas Natürliches anzusehen, fällt vielen schwer, weil ihnen kulturell, ideologisch oder pädagogisch eine »Geht-ja-gar-nicht«-Haltung antrainiert oder anerzogen wurde.«

Problematisch wird es, wenn beide Fraktionen aufeinandertreffen und jede die jeweils andere von der Richtigkeit ihrer Einstellung überzeugen möchte. Menschen, die auf einem lokal begrenzten Raum – sei es eine Sauna, ein FKK-Strand oder auch im Wald – nackt sind, polarisieren. Dabei sollten zwei Prinzipien gelten. Zum einen der eigene Erfahrungsschatz, zum anderen die Toleranz.

Anders formuliert: »Jeder sollte es einmal ausprobieren, um einmal das Gefühl zu erleben und dann zu entscheiden, ob das eine Wiederholung wert ist«, sagt Langner. Wer noch nie die Erfahrung gemacht hat, wie es sich anfühlt, kann kein fundiertes Urteil darüber abgeben. Es bleibt eine Vermutung und ein Urteil, das vielleicht auf Hörensagen oder – im schlimmsten Fall – einfach auf einem Vorurteil beruht.

»Natürlich gibt es Menschen, die das partout ablehnen«, weiß die GNG-Vorsitzende. »Aber dann sollten sie so viel Toleranz besitzen, es den anderen zu gönnen, die es mögen, anstatt ein Verbot zu fordern.« Einen Beitrag dazu will sie mit ihrem Verein GetNakedGermany leisten, indem sie mit Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit das Bild von Naturismus positiv verändern und zu einem besseren Image verhelfen möchte (siehe dazu Seite 42).

FKK-Erfahrungen haben viele

Tatsächlich ist Naturismus in Deutschland weiterverbreitet, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Das hat eine – allerdings schon ältere – Studie des internationalen Unternehmens für Online-Marktforschung und Analysetechnologie YouGov im Jahr 2021 herausgefunden. Das Unternehmen hatte im Juni 2021 anlässlich des Tags der Nacktheit knapp über 2.000 Menschen in Deutschland befragt, wie sie es mit FKK halten. Das Ergebnis der repräsentativen Umfrage in Kooperation mit Statista: Jeder vierte Deutsche, exakt 28 Prozent, fühlen sich an Orten, an denen man nackt ist, wohl. Allerdings stehen denen auch 36 Prozent gegenüber, die sich eher unwohl fühlen, während weitere 24 Prozent solche Orte wie Sauna oder FKK-Platz grundsätzlich meiden.

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Interessant sind aber die weiteren Ergebnisse: Gleich 37 Prozent der Deutschen waren schon mal in einem Sauna- oder Wellness-Bereich nackt – und exakt jeder Vierte, also 25 Prozent, waren schon einmal hüllenlos am Strand. Für 19 Prozent gilt das auch an einem Badesee, neun Prozent frönten dem kleidungslosen Zustand in einem Hotel oder einem Resort, fünf Prozent auf einem Campingplatz. Und noch zwei Zahlen: Fünf Prozent waren schon mal nackt wandern (es gibt tatsächlich drei offizielle Nacktwanderwege in Deutschland), zwei Prozent waren auf einem Kreuzfahrtschiff nackt.

Positiv gegenüber FKK eingestellt

Was den FKK-Vereinen wie GNG oder dem im Deutschen Verband für Freikörperkultur (DFK) organisierten Naturisten Freude bereiten dürften: Nacktheit am Strand wird europaweit mit großer Mehrheit akzeptiert. Das hat YouGov in einer weiteren, internationalen Umfrage in sechs europäischen Ländern im November 2025 herausgefunden. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings für sie. Die große Mehrheit akzeptiert Nacktheit an FKK-Stränden oder auf privaten FKK-Geländen, aber nicht an öffentlichen Stränden. Nackte sollen eher unter sich bleiben: 84 bis 94 Prozent der Befragten in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Spanien und Italien finden das hüllenlose Auftreten auf privaten Geländen für akzeptabel, bei FKK-Stränden sind es noch 77 bis 91 Prozent – ein Beleg dafür, dass die Toleranz hoch ist.

Aber: „In öffentlichen Schwimmbädern ist Nacktheit hingegen ein No-Go“, so die repräsentative Studie unter rund 8.000 Befragten. „In allen sechs befragten Ländern liegt die Akzeptanz für nackte Körper im öffentlichen Schwimmbad zwischen 4 und 10 Prozent.“ Pikant wird es allerdings, wenn es um nackte Oberkörper geht. Je nach Land sind 86 bis 94 Prozent der Meinung, dass Männer oberkörperfrei herumlaufen dürfen, bei Frauen gelten andere Maßstäbe, so die Studie: »In Dänemark und Spanien hält eine große Mehrheit (jeweils 82 Prozent) dies für akzeptabel, in Deutschland (58 Prozent) und Großbritannien (57 Prozent) sind nackte weibliche Brüste am öffentlichen Strand am wenigsten akzeptiert.«

Eine pikante Note hat das vor allem in Deutschland, weil sich Frauen in Berlin das Recht auf einen nackten Oberkörper gerichtlich erkämpft haben (siehe dazu Seite 26). Auch wenig überraschend: Männer sind aufgeschlossener gegenüber weiblicher Nacktheit an öffentlichen Stränden als Frauen – das Verhältnis beträgt 68 zu 49 Prozent. YouGov: »Damit akzeptieren deutsche Frauen neben britischen Frauen (46 Prozent) am seltensten nackte Frauenbrüste an öffentlichen Stränden.«

Für Naturisten ist es daher noch ein ziemlich langer Weg zu mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit und die Frage, inwieweit Nackt im Öffentlichen Raum von einer Mehrheit akzeptiert wird. Allerdings ist das im aktuellen gesellschaftlichen Klima schwierig – was ich will, soll auch für andere gelten und etwas, was mir persönlich nicht genehm ist, muss ich nicht akzeptieren. Die Sozialen Medien sind voll mit Meinungen, was nicht alles verboten gehört. Zu einem FKK-Strand kann ich hingehen oder auch nicht, im öffentlichen Raum wird es schon schwieriger, einer unangenehmen Nacktheit aus dem Weg zu gehen.

Sich selbst akzeptieren

Deshalb fühlen sich Naturisten eher in ihren offiziellen Räumen wohl, zumal der Naturismus auch und gerade vom Gemeinschaftsgedanken lebt – unter Gleichgesinnten erlebt man immer ein ganz anderes Wohlbefinden. Einer der größten Vorteile des gemeinschaftlichen Naturismus liegt in der Akzeptanz der anderen – unabhängig von ihrem Alter und dem Aussehen. »Beim FKK darf ich tatsächlich so sein, wie ich bin, mit all meinen Unzulänglichkeiten, ohne dass mein Aussehen ge- und bewertet wird«, sagt Langner. Bodypositivity nennt sich das neudeutsch, was übrigens gar nicht so neu ist. Die Ursprünge liegen in den 1960er Jahren in den USA, mit der Gründung der National Association to Advance Fat Acceptance durch Bill Fabrey 1969 – es ging darum, die Akzeptanz für dicke Menschen zu erhöhen.

Daraus entwickelte sich der Ansatz, grundsätzlich Menschen in ihrem Aussehen zu akzeptieren und die durch Massenmedien verbreiteten unrealistischen Schönheitsideale zu bekämpfen. »Genau das spiegelt sich in der FKK, denn kaum einer hat Model-Maße und das entsprechende Aussehen«, weiß Langner. »Jeder kann sich so wohlfühlen, wie er oder sie ist, egal, ob dick oder dünn, groß oder klein, alt oder jung.« Das ist der große Vorteil des Naturismus: Menschen werden nicht nach dem Äußeren beurteilt, kleidungslos sind alle schließlich gleich – und wer sich von anderen akzeptiert fühlt, steigert automatisch das eigene Selbstwertgefühl.

Familienaspekt ist wichtig

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Ein wichtiger Aspekt ist die Familienfreundlichkeit: FKK ist etwas für die ganze Familie, was jeder bei einem der rund 120 FKK-Vereinen in Deutschland erleben kann. »Naturismus stärkt die Familienbande und fördert eine offene und ehrliche Kommunikation zwischen Eltern, Kindern und Jugendlichen«, sagt der französische Campingverband France4Naturisme. »Darüber hinaus trägt der Naturismus in der Familie dazu bei, ein positives Körperbild und ein gesundes Selbstwertgefühl bei Kindern und Jugendlichen zu fördern.« Von früh an lernen Kinder und Jugendliche, dass es eine Vielzahl an Körperformen und Größen gibt. So können sie eine »realistische und positive Wahrnehmung ihres eigenen Körpers entwickeln, was das Risiko von Essstörungen und Unzufriedenheit mit dem Körper verringern kann«, ergänzt der Verband.

Eine Studie aus dem Jahr 2024 von Professor Keon West an der Goldsmith’s University London belegt, dass sich eine von klein auf gelebte Nacktheit positiv auf die geistige Gesundheit auswirkt. „Erwachsene, die in Familien mit einer positiven Einstellung zur Nacktheit aufgewachsen sind, haben ein besseres Körperbild, ein besseres Selbstwertgefühl und eine bessere allgemeine psychische Gesundheit“, führt die International Naturist Federation INF-FNI auf ihrer Webseite aus. Der Verband hatte zusammen mit British Naturism die Studie finanziert. Die Studie widerlegte auch die oft geäußerte, falsche These, dass nicht-sexuelle Nacktheit für Kinder schädlich sei: »Es gab keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Nacktheit in der Kindheit und negativen Folgen«, so die INF.

Bei Veranstaltungen und Urlauben in Resorts, Campingplätzen oder bei FKK-Vereinen gibt es die unterschiedlichsten Aktivitäten, die sich mit einer Familie, aber auch in einer Gemeinschaft erleben lassen. Neben Sportaktivitäten sind es die klassischen Angebote von Kultur- und Kreativangeboten über Wanderungen bis hin zu Kochevents oder Grillabende, die sich gemeinschaftlich erleben lassen, kurz gesagt, alle Aktivitäten, wie sie auch im Textilurlaub begangen werden. Dieses »happy together« oder eben Bodypositivität gehört mit zu den Kernanliegen des Naturismus bzw. der FKK-Bewegung.

Die hat vor allem durch die Corona-Epidemie wieder mehr Auftrieb erhalten und die Mitgliederzahlen in den Vereinen gehen weiter hoch. Bis 2018 war die Zahl der Mitglieder in den Vereinen des DFK auf 32.000 Mitglieder gesunken, haben sich seitdem aber wieder auf 35.000 erhöht.

Vereinsnachwuchs fehlt

Allerdings ist auch unbestritten, dass die Vereine eher unter einer Überalterung leiden – es gibt zu wenig Nachwuchs. »Es gibt einen Generationskonflikt zwischen den Alten und den Jungen«, so DFK-Präsident Alfred Sigloch. »Auf vielen Vereins-Campingplätzen liegt der Altersdurchschnitt deutlich über 60 Jahre – und Veränderungen würden leider oft abgelehnt.« Ein klassisches Beispiel sind die Ruhezeiten auf den Plätzen, die möglichst so bleiben sollten. Sigloch: »Diese konservative Einstellung vieler Älterer verhindert eine Verjüngung und Weiterentwicklung der Strukturen«, sagt er.

Allerdings ist es auch schwierig, den Nachwuchs dort abzuholen, wo er sich findet: in den Sozialen Medien. „Die natürliche Nacktheit in einer Gemeinschaft können wir gar nicht in den Sozialen Medien darstellen“, beklagt nicht nur Jeannette Langner. Nackte Haut muss zensiert werden – oder der Beitrag, manchmal sogar gleich das ganze Konto, wird automatisch gesperrt. Mittlerweile gehen Facebook, Instagram & Co. sogar so weit, dass selbst Zeichnungen nackter Menschen oder Abbildungen berühmter Gemälde zensiert und entfernt werden.  Damit ist die Kreativität derjenigen in den Vereinen gefragt, die sich aktiv um Nachwuchswerbung kümmern. Sie müssen die Themen so platzieren, dass die Grundidee der natürlichen Nacktheit, die Ideale und die Vorteile, sichtbar wird ohne sie selbst zeigen zu dürfen.

Ein Weg sind Veranstaltungen und Festivals, wie sie immer wieder von Vereinen oder den Verbänden angeboten werden. In Großbritannien zählt das jährliche Nudefest zu den bekanntesten Festivals, in Deutschland zählen die FKK-Sport- und Aktivtage 2026 dazu. Sie finden dieses Jahr vom 26. Juli bis 6. August am Rosenfelder Strand an der Ostsee statt – auch eine gute Gelegenheit, FKK live zu erleben.


artifex 03/2026: Naturismus - Seite 5