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FKK - Ein Ausflug in die Geschichte

Die Freikörperkultur ist eine deutsche Erfindung! Medizinische Gründe und freiheitliches Denken vereinten sich im 19. Jahrhundert. Ein Blick von den Ursprüngen bis heute.

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MICHAELA TOEPPER

Ohne den Leibarzt von Großherzog Friedrich Franz I., Prof. Dr. Samuel Gottlieb Vogel, wäre die Geschichte der Freikörperkultur, kurz FKK, wohl anders verlaufen. »Im Bade sind die Badekleider nicht anzuraten, denn sie inhibieren den Nutzen desselben!«, lautete sein Credo und prompt gründete sein Herzog Friedrich Franz I. das erste Seebad. Das war 1793 in Heiligendamm, der Legende nach soll eine Jagdgesellschaft ins Wasser gestiegen sein, um die heilende Kraft des Meerwassers zu nutzen.

Das zeigt schon: Die Geschichte der Freikörperkultur in Deutschland hat eine lange Tradition und sie fängt vereinsgeschichtlich gesehen im Ruhrgebiet an. Bereits 1893 gründete sich in Essen der »Naturheilverein Essen-Ruhr«. Hier konnten sich die Mitglieder erholen und entspannen und im »Lichtkleid baden«. Das Ziel war ein gesünderes, sportlicheres Leben, in dem Geist und Körper sich von dem anstrengenden Alltag jener Zeit erholen und stärken sollte. Doch erst 1903 entstand mit dem Freilichtpark Klingberg bei Scharbeutz das erste FKK-Gelände, 17 Jahre später gab es auf Sylt den ersten offiziellen Nacktbadestrand.

Flucht vor der Industrialisierung

In dieser Epoche, kurz vor der Jahrhundertwende, herrschte die Industrialisierung, in der nicht nur harte Arbeitsbedingungen herrschten, sondern auch verschmutzte Städte, beengte und unhygienische Wohnungszustände, wenig Freizeit und viele Pflichten den meisten Menschen, vor allem der Arbeiterschicht, zu schaffen machten. Sie sehnten sich nach einem Ausgleich und einer gesünderen, natürlicheren Lebensweise.

Foto: © Privatsammlung Michaela ToepperFoto: © Privatsammlung Michaela Toepper

So entstand die Lebensreformbewegung und FKK war ein Teil dieser Bewegung. Frische Luft, Sonnenlicht, Bewegung, Vegetarismus, Naturheilkunde und die Gemeinschaft unter Gleichgesinnten waren die Kernpunkte und ein Weg zu einem natürlichen Leben, dem sich immer mehr Menschen zuwandten. Das »Baden im Lichtkleid«, der ungezwungene und nicht sexualisierte Umgang ohne Kleidung, zeugte von Körperfreiheit und Gleichheit. Statussymbole wurden mit der Kleidung abgelegt, so war es auch eine stille Kritik an der Klassengesellschaft des Kaiserreiches unter Wilhelm II.

»IM BADE SIND DIE BADEKLEIDER NICHT ANZURATEN, DENN SIE INHIBIEREN DEN NUTZEN DESSELBEN!!« SAMUEL GOTTLIEB VOGEL

Berlin als Hotspot der FKK

Anfang der 1900er Jahre wächst die Bewegung, besonders rund um Berlin entstehen neue Vereine mit Vereinsgeländen, viele sind bis heute erhalten geblieben und einige konnten schon ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Die Menschen drängen aus der Stadt hinaus und finden oft in den FKK-Sportvereinen die Erfüllung von dem Traum eines besseren, gesünderen, freien Lebens in der Natur. Sport spielte eine zentrale Rolle, aus der Wandervogelbewegung heraus gründeten sich viele Vereine und errichteten auf den neuen, meist noch sehr schlichten Vereinsgeländen Sportanlagen, um Volleyball, Ringtennis, Faustball oder Gymnastik machen zu können – alles natürlich möglichst nackt. Statusmerkmale fielen mit der Kleidung ab und auch heute noch ist es eines der Merkmale der Freikörperkultur, dass nackt alle gleich sind.

Badegesellschaft in den 1930er Jahren. Foto: © Privatsammlung Michael OttoBadegesellschaft in den 1930er Jahren. Foto: © Privatsammlung Michael Otto

Geschützte Freiräume

Die frühen FKK-Gelände waren somit geschützte Freiräume, die durch ihre Lage in Wäldern, am Stadtrand oder an Gewässern eine »heile Welt«und eine Flucht aus dem lauten, anstrengenden und technisierten Alltag boten. Überall in Deutschland entstanden FKK-Vereine, zu Hochzeiten gab es über 180 Vereine, mit über 70.000 Mitgliedern.

Nach 1910 entwickelte sich der nackte Breitensport weg vom rein ideologisch geprägten »Licht-Luft-Bad« hin zu einer professionellen Einbindung in nationale Sportstrukturen, wobei der Fokus verstärkt auf den Familien- und Breitensport gelegt wurde. Faustball und Ringtennis gehörten neben dem Schwimmen zu den beliebtesten Sportarten der FKKler in Deutschland und Österreich.

Aus den 50er Jahren. Foto: © Privatsammlung Michaela ToepperAus den 50er Jahren. Foto: © Privatsammlung Michaela Toepper

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) hatte einen deutlichen Einfluss auf die Freikörperkultur in Deutschland – allerdings nicht nur negativ, sondern teilweise auch indirekt förderlich für ihre spätere Entwicklung. Der Krieg war ein großer Rückschlag für die Vereinskultur, da nicht nur die Mitglieder fehlten, sondern auch jegliche Sport- und Freizeitaktivitäten logischerweise hinten anstanden und nicht stattfinden konnten. Nach dem Krieg sehnten sich die Menschen nach körperlicher und geistiger Erholung, nach Sonne, frischer Luft, Ruhe und Stärkung der Gesundheit – alles Kernpunkte der Freikörperkultur.

Die Weimarer Zeit

Die Weimarer Republik (1918–1933) bot ein kulturell und politisch offenes Klima und ließ die FKK-Vereine wieder aufleben und expandieren. Soldaten und ihre Familien suchten körperliche und geistige Erholung, die Nähe zur Natur und sie sehnten sich nach einem friedvollen und gleichgesinnten Miteinander. Die Flucht aus dem urbanen Stress und dem Kriegstrauma ließ die Mitgliederzahlen in den Vereinen steigen, was der FKK in der Weimarer Republik zu größerer Popularität verhalf.

Eine Badegesellschaft um 1912. Foto: © Privatsammlung Michael OttoEine Badegesellschaft um 1912. Foto: © Privatsammlung Michael Otto

Doch der Zweite Weltkrieg (1939-1945) veränderte noch viel mehr und wirkte sich deutlich stärker und nachhaltiger auf die Freikörperkultur aus als der Erste Weltkrieg. Die Auswirkungen waren vielschichtig – organisatorisch, gesellschaftlich und ideologisch. Die restriktiven Verbote führten zu Schließungen der Vereine oder sie wurden stark eingeschränkt und unterlagen strengen Restriktionen. Die meisten Veröffentlichungen zur Nacktkultur wurden verboten, viele Bücher und Zeitschriften konfisziert.

Die nationalsozialistische Ideologie wollte Körperkultur nur im Rahmen von staatlicher Fitness und Rassenideologie sehen – die freie FKK-Bewegung passte nicht in das Bild. So waren sportliche Aktivitäten zwar weiterhin erlaubt, aber meist nur militarisiert oder ideologisch eingebunden, z. B. in der Hitlerjugend oder der Wehrertüchtigung. Die Bewegung wurde praktisch stillgelegt, der Krieg zerstörte viele Vereinsgelände, Mitglieder wurden eingezogen, starben oder wurden verwundet, es herrschte große Not und Leid – da gab es kein Vereinsleben mehr, da die Menschen mit den Folgen des Krieges beschäftigt waren.

Spaltung zwischen Ost und West

Foto: © Privatsammlung Michaela ToepperFoto: © Privatsammlung Michaela Toepper

Nach dem Krieg lebten der Sport und die Körperkultur vor allem in der sowjetischen Besatzungszone (DDR) wieder auf, da der Staat beides förderte – auch wenn private Vereine verboten waren, so bildeten sich doch sogenannte »Betriebsportgemeinschaften« (BSG) als Sektionen für »Allgemeine Körperkultur« (AKK). Wie z. B. der Verein »AKK Birkenheide« in Brandenburg, der bis heute ein sehr aktives, über 100-jähriges Vereinsleben führt.

Die gute und öffentliche Zugänglichkeit zu Seen, Stränden und der Natur förderte die alltägliche, nicht sexualisierte Normalität für Nacktheit. FKK nach 1945 war in der DDR integraler Bestandteil von Freizeit, Sport und Alltag, während sie in der BRD eher eine Freizeit- und Nischenbewegung blieb. Die Unterschiede prägen das Bild der FKK bis heute und lieferten die ein oder andere Anekdote.

Etwa die von der Schriftstellerin Anna Seghers, die dem FKK anhing und sich 1951 in Ahrenshoop sehr zum Ärger eines Mannes am Strand nackt sonnte und ihr Gesicht mit der Zeitung »Neues Deutschland« bedeckt hatte. Der Mann auf seinem Spaziergang Richtung Wustrow war der Dichter und DDR-Kulturminister Johannes R. Becher, der prompt die Frau anherrschte: „Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?“ Erst da nahm sie die Zeitung vom Gesicht und Becher erkannte sie. Das Nachspiel kam ein paar Wochen später, als Becher ihr in der Berliner Staatsoper den DDR-Nationalpreis überreichte: Seine Begrüßungsworte »Meine liebe Anna« wurden laut und für alle hörbar von Anna Seghers unterbrochen: »Für dich immer noch alte Sau …«; Nachzulesen im Buch des Historikers Siegfried Prokop »Ära Ulbricht«.

FKK in der DDR sogar gefördert

In der DDR war FKK sozial akzeptiert, sie wurde vielfach geduldet und manchmal sogar gefördert. Sie war unorganisiert und wurde auch nicht politisch instrumentalisiert. FKK entsprach der Sehnsucht vieler Menschen nach körperlicher Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Gemeinschaft. In den 1970er/80er-Jahren war FKK im Alltag weit verbreitet und wurde oft als normaler Bestandteil von Erholung und Sommerurlaub gesehen.

In einem politisch stark kontrollierten Alltag bot FKK einen Raum, der nicht sofort staatlichen Vorgaben unterworfen war. So war die FKK eher ein Ausdruck von kultureller und sozialer Freiheit. An der Ostsee entwickelte sich die FKK zudem zu einer riesigen Massenbewegung, die vom Staat weitgehend toleriert wurde und als kleiner »Freiraum« abseits der sozialistischen Etikette galt. Nach dem Fall der Mauer wurden viele FKK-Strände den »Textilern« überlassen, heute spielt FKK keine so große Rolle mehr wie vorher, auch wenn viele Bürger aus dem Osten das textilfreie Baden völlig selbstverständlich finden.

FKK im Westen blieb eine Nische

Der Krieg hatte viele Vereinsgelände zerstört oder beschädigt, der Wiederaufbau wurde lokal organisiert, oft durch kleine Gruppen von Naturisten und Sportlern. Die Freikörperkultur war eine Nischenbewegung, aber durch den Fokus auf Gemeinschaft, Sport und Natur, den die Freikörperkultur schon immer als Kernpunkt hatte, fanden sich recht schnell wieder neue Mitglieder, die beim Wiederaufbau mithalfen.

Am 6. November 1949 wurde der DFK als Dachverband gegründet und somit den Vereinen eine Verbandsstruktur gegeben, die bis heute nahezu gleichgeblieben ist. Im Westen war die FKK-Bewegung nach 1950 institutionell organisiert, sportlich integriert und international vernetzt, aber sie blieb kulturell eher eine Freizeit- und Sportbewegung statt Alltagskultur, wie es in der DDR der Fall war.

Bereits Anfang der 1950er trat der DFK der Internationalen Naturisten-Föderation (INF) bei. Das war ein wichtiger Schritt zur internationalen Zusammenarbeit, Anerkennung und Vernetzung der deutschen FKK-Bewegung mit Naturistenverbänden in anderen Ländern. 1963 wurde der DFK Mitglied im Deutschen Sportbund (DSB), dem Vorläufer des heutigen Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Das bedeutete, dass FKK-Sport offiziell als eine Form des organisierten Breitensports anerkannt wurde.

Von Deutschland nach Europa

Von Deutschland aus verbreitete sich die Idee über ganz Europa. Heute ist der deutsche Dachverband DFK Mitglied der Internationalen Naturisten Föderation (INF), die Föderationen in aus 40 Staaten umfasst und ihren Sitz in Österreich hat. Während die FKK in anderen Ländern oft eher als Urlaubsform wahrgenommen wird, blieb sie in Deutschland durch ihre Vereinsstruktur und die Verankerung im Breitensport eine tief verwurzelte Lebenshaltung.

Die FKK-Sportvereine entwickelten sich rasant – in den 1970er bis 1990er Jahren erreichten die Mitgliederzahlen über 60.000 Mitglieder in ca. 165 Vereinen in ganz Deutschland. Es gab lange Wartelisten für einen Platz auf einem Vereinsgelände, bis in die 2000er gab es einen regelrechten Boom für die Freikörperkultur. Das schwächte sich ab 2010 deutlich ab, die Mitglieder blieben weg und es kamen immer weniger neue Mitglieder dazu (siehe S. 44). Besonders der Anteil an jungen Menschen und jungen Familien hat sich verringert.

Es mangelt an Vereinsnachwuchs

Woran liegt es? Auch wenn es eine große gesellschaftliche Akzeptanz gibt, wenn es um Naturismus und FKK geht, so möchten doch immer weniger Menschen sich an einen Verein und dessen Regeln binden. Die veränderten Freizeitgewohnheiten und Möglichkeiten, die sich heute ergeben, und die vielen Möglichkeiten der Vernetzung verdrängen häufig das Bedürfnis nach Vereinsleben. Ebenso wie die Möglichkeit von kompromittierenden Social-Media-Fotos, die zu Datenschutz- und Fotoängsten führen, »Bodyshaming-Ängste« und Ähnliches tragen nicht dazu bei, die Freikörperkultur zu fördern – der Nachwuchs bleibt schlichtweg weg.

Vereinsleben in den 1950er Jahren Foto: © Privatsammlung Michael OttoVereinsleben in den 1950er Jahren Foto: © Privatsammlung Michael Otto

Allerdings gibt es dazu auch eine Gegenbewegung. Denn die Coronapandemie mit all ihren Einschränkungen hat bei manchen Vereinen zu einem wahren »Mitgliederboom« geführt. Der geschützte Raum, mitten in der Natur mit vielen Sportmöglichkeiten, Familienfreundlichkeit und bezahlbaren Beiträgen haben vielen Menschen genau das gegeben, was sie in diesen »unruhigen Zeiten« benötigten – einen Ort, in dem man so sein darf, wie man ist.

Einfach mal ausprobieren

Dazu gibt es derzeit viele Kampagnen gegen »Bodyshaming«. Hier greift wieder die Kernideologie des Naturismus, dass alle Menschen gleich sind und jeder so akzeptiert wird, wie er oder sie ist. Das gilt bis heute und die meisten stellen fest, dass es tatsächlich gelebt wird, wenn man sich unter Naturisten aufhält. Ein wirklich gutes Argument, es im Verein, auf einem FKK-Campingplatz oder einem FKK-Strand einfach mal auszuprobieren.

»Nackt sind alle gleich.« Dieser Spruch hat bis heute seine Gültigkeit nicht verloren und ist aktueller denn je. Auch wenn sich vieles verändert hat – die Grundideen der Freikörperkultur werden heute noch in jedem Verein gelebt. Wer es ausprobieren möchte, kann sich gerne bei einem der vielen Vereine erkundigen. Oft bieten diese Vereine einen Tag der offenen Tür, an dem sich Besucher das Gelände anschauen können oder FKK in dem geschützten Bereich ausprobieren dürfen. Dort ist es vielleicht einfacher, zu spüren, wie sich nackte Haut in der freien Natur anfühlt …


artifex 03/2026: Naturismus - Seite 24