artifex 01/2026: Wellness
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Tschechien_Westböhmische Bäder
Wohlfühlen IM SALON EUROPAS
Ein »Paradies auf Erden« nannte Goethe das Franzensbad. (Foto: © Kirsten Rick)
Kirsten Rick
Das wichtigste Kleidungsstück liegt im Hotelzimmer bereit: Es ist der Bademantel. Leise, ganz leise huschen und schleichen, trapsen und schlendern in weißen Frottee-Flausch gehüllte Gestalten durch sehr lange, mit weichem Teppich ausgelegte Gänge. Von diesen Gängen gehen viele Türen ab, manchmal wird eine geöffnet und eine der Bademantelgestalten verschwindet dahinter. Alles wirkt wie eine geheime Gesellschaft, deren Mitglieder sich wortlos durch die Kurlandschaft bewegen und nur eines im Sinn haben: genesen, oder zumindest ein bisschen leichter werden.
Das Westböhmische Bäderdreieck – Marienbad, Franzensbad und Karlsbad – ist seit Sommer 2021 Teil des UNESCO Weltkulturerbes »Great Spa Towns of Europe«. Den Titel tragen elf Kurorte in sieben Ländern, die Bewerbung war ein Gemeinschaftsprojekt unter tschechischer Federführung. Der Historiker Lubomir Zeman erläutert die anspruchsvollen Auswahlkriterien: Die Kurstädte müssen Naturheilmittel und eine hervorragende Bäderarchitektur vorweisen können, die heute noch für Anwendungen genutzt wird. Die Hauptentwicklung des Ortes sollte während des 19. Jahrhunderts stattgefunden haben, das reiche kulturelle und gesellschaftliche Leben mit internationalen Veranstaltungen bis in die Gegenwart reichen. Dazu kommt noch – hier lerne ich einen neuen Fachbegriff – die »therapeutische Landschaft«. Das sind nicht nur die prächtig gestalteten Kurparks, sondern auch der angrenzende Kaiserwald und das Hochmoor Kladska bei Marienbad, durch das ich auf Bohlenwegen bis zu einem See spaziere.
Marienbad
Marienbad war ein sumpfiges Stück Wildnis, bis ein kluger Arzt das heilsame Wasser der Quellen nutzte und ein engagierter Abt einen genialen Landschaftsgärtner bestellte. Der Sumpf wurde Anfang des 19. Jahrhunderts trockengelegt und zu einer Parkanlage umgestaltet. In kürzester Zeit entstand eine kleine Kurstadt mit Häusern, die auch heute noch aussehen, als kämen sie frisch aus der Konditorei. Rasch wurde Marienbad zum Tummelplatz der Prominenz.
»Nicht leicht habe ich etwas Erfreulicheres gesehen«, schwärmte Goethe. Und selbst Kafka befand: »Karlsbad ist angenehm, aber Marienbad ist unbeschreiblich schön«. Goethe verliebte sich sogar in Marienbad. Also: Nicht in die Stadt, sondern in die 17-jährige Ulrike von Levetzow. Und das mit über 70! Unsere Reiseleiterin, selbst Anfang 70, deutet an, er könnte vielleicht auch etwas mit der Mutti oder der Omi gehabt haben. Goethes Angebetete lehnte seinen Antrag ab, sie sagte später, sie hätte einfach keine Lust gehabt zu heiraten. Das hat sie denn auch in ihrem ganzen Leben nie getan, 95 Jahre alt wurde sie.
Die großen Attraktionen Marienbads bilden ein eigenwillig charmantes Ensemble. Die Kreuzquelle liegt an einem Ende der langen gusseisernen Kolonnade »Maxim Gorki«. Die im Neobarockstil errichtete Kolonnade wäre im vorigen Jahrhundert fast weggerostet. 1974 musste sie geschlossen und saniert werden. Dabei wurden auch gleich die Deckenfresken gemalt – inklusive Kosmonauten. Am anderen Ende spielt sich die »Singende Fontäne« auf, eine Brunnenanlage aus den 1980er-Jahren, die zu jeder ungeraden Stunde eine choreographierte Musik-Wasser-Show bietet – und abends mit Beleuchtung. Ilona Winter, die gemeinsam mit ihrem Mann Harald hier zur Kur ist, hat das Spektakel die ganze Woche lang auf ihrem Handy dokumentiert, sie zeigt mir die Aufnahmen, um die Wartezeit zu überbrücken. Ihr Mann schwärmt derweil vom Mineralbad, das sei fast, »wie in Champagner zu baden«. Das müsse ich unbedingt ausprobieren. »Ein Jungbrunnen!«
Das Wasser – darum dreht es sich in Marienbad und im gesamten Westböhmischen Bäderdreieck. 40 Mineralquellen entspringen direkt in Marienbad, über 100 in der näheren Umgebung. Für die angebotenen Heilkuren werden vor allem sechs der Quellen verwendet.
Auf einer seiner Reisen kam Mark Twain nach Marienbad. Der Kurbetrieb war damals in vollem Gange, ganz ähnlich wie heute. Twains launige Betrachtungen der »Gesundheitsfabrik« erschienen 1892 in der Chicago Tribune: »Sie versuchen alles zu heilen – Gicht, Rheuma, Magersucht, Fettleibigkeit, Verdauungsstörungen und den ganzen Rest.« Und: »Wenn ein Mensch Gicht hat, tun sie dies mit ihm: Er muss morgens um 5.30 Uhr aufstehen, sie geben ihm ein Ei und lassen ihn an einer Tasse Tee nippen. Um sechs muss er an seiner speziellen Quelle sein, mit seinem Becher, der ihm am Gürtel hängt. Da wird er jede Menge Gesellschaft haben. Sobald das Orchester anfängt zu spielen, muss er seinen Becher heben und das grauenvolle Wasser trinken. Das muss er ganz langsam tun. Dann soll er eine gute Stunde über die Hügel stapfen ...«
Ein paar Punkte darin hat der lästerliche Autor ganz gut getroffen: Ohne einen Kurbecher, dieses seltsam geformte kleine Henkeltässchen mit der Tülle, durch die man das Quellwasser schlürft, ist wirklich kaum jemand unterwegs. Bewegung ist ganz wichtig: »10 Schritte, 1 Schluck«, so lautet die Faustregel. Und, ja, das Wasser der Kreuzquelle schmeckt doch recht eindringlich, salzig-mineralisch und mit einem starken Schwefelhauch. Mit dem Kreuzquell-Wasser ist auch nicht zu spaßen, es wirkt stark abführend.
Der Kurarzt Dr. Pavel Knára warnt: »Die Trinkkur ist ein komplizierter Prozess, man muss immer daran denken, dass ein bestimmtes Wasser für konkrete Beschwerden geeignet ist, aber auch äußerst ungeeignet für andere Beschwerden sein kann. Eine Trinkkur muss immer mit dem Arzt konsultiert werden, weil eine falsch durchgeführte Trinkbehandlung schaden kann.«
Dr. Knára treffe ich im Hotel Nové Lázně (»Neues Bad«) und dort wahrscheinlich schönsten Raum der Stadt: der »Royal Cabin«, dem König-Edward-Bad. Die 1896 für den britischen Monarchen entworfene (und fast ein Jahrzehnt von ihm genutzte) Spa-Suite ist prunkvoll im neuen Renaissancestil dekoriert, mit prächtigen Kacheln, persischen Teppichen und aufwendigen Seidentapeten. Alles ist erhalten, von der königlichen Badewanne bis zum Wiege-Sessel, eine Sonderanfertigung für Edward VII., der gerne abnehmen wollte. Der Raum lässt sich auch heute noch für Anwendungen buchen.
Dr. Knára sieht eigenwillig streng aus, spricht schnell und verknüpft Anekdoten mit Informationen. Drei Naturheilquellen gibt es: Mineralwasser, Naturheilgas und Moor. Es sind viele Heilbehandlungen möglich: Trinkkuren, Wasserbäder, aber auch Gasbäder und Gasinjektionen. Ein wichtiges Ziel bei verschiedensten Behandlungen sei es, die Durchblutung anzukurbeln.
Ich habe den Bademantel angezogen. Mir wird eine der vielen Türen aufgeschlossen. Die Wanne ist eingelassen, das Wasser ist warm. Ich gleite hinein. Es kitzelt und britzelt. Tausende kleine Bläschen steigen hinauf und überziehen meine Haut mit einem glitzernden Perlenanzug. Ich streife darüber, es fühlt sich kribbelig an, wenn sie platzen. Und schon sind wieder neue da.
Die funkelnden Kügelchen auf meiner Haut geben mir das Gefühl, kostbar zu sein. Nach 20 Minuten kommt eine junge Bademeisterin, ganz in Weiß, ich steige aus der Wanne und lege mich auf eine Liege, werde dort in Laken gewickelt und warm zugedeckt. Jeder Muskel, jede Faser meines Körpers fühlt sich entspannt an, angenehm schwer. Und die Gedanken, die gleiten ganz wohlig aus dem Aufmerksamkeitsfeld hinaus ins Nirgendwo. Danach riecht meine Haut noch lange etwas rostig.
Franzensbad
»Franzensbad ist ein Modellspa, ein Vorbild für ganz Europa«, sagt der ehemalige Bürgermeister Jan Kuchař selbstbewusst. Das kleine Franzensbad ist ganz anders aufgebaut als Marienbad oder Karlsbad, nach barocken Prinzipien von Axialität und Symmetrie, mit harmonisch einheitlichen Gebäuden. Der Kur-Kern ist ringförmig von Parks umgeben – und außerhalb natürlich von der »therapeutischen Landschaft«. Die hat nicht nur Quellen und Naturheilgas, sondern noch ein weiteres Naturheilmittel zu bieten: Franzensbad war das erste Moorbad der Welt.
Bereits im 19. Jahrhundert reisten Frauen ohne männliche Begleitung nach Franzensbad – das war damals noch ungewöhnlich. Sie kamen meist zur Kinderwunschbehandlung. Die Statue des kleinen Franzel (ein nackter Junge mit einem Fisch in der Hand) soll dabei Wunder wirken, besagt die Legende. Zu einer bestimmten Zeit soll allerdings auch ein gewisser rothaariger Kellner seinen nicht unwesentlichen Anteil zum Erfolg beigetragen haben, heißt es. Belegt ist das nicht.
Im Hotel Pawlik (ein riesiger Komplex aus verschiedenen Häusern, die durch lange Gänge miteinander verbunden sind) komme in den Genuss einer der berühmten Moorpackungen. Eine resolute Bademeisterin kippt einen großen Klumpen schwarze, dampfende Masse auf eine Liege, auf der sie ein braunes Laken als Unterlage ausgebreitet hat. An der rechten Hand trägt sie einen roten Gummihandschuh, damit streicht sie die Masse flach und glatt. Dann weist sie mich an, mich hineinzulegen. Ich lasse mich mit den Schultern in den warmen, weichen Modder sinken. Sie schlägt das Laken über mir zusammen, dann noch eine Art Plastiktischdecke und eine warme Decke, sehr kuschelig. Ich spüre, wie die Hitze des Moores tief in meine Schultergelenke dringt. Es riecht etwas modderig, aber das sind wahrscheinlich die guten Heilstoffe, die aus seit Jahrhunderten abgestorbenen Pflanzenteilen in meinen Körper dringen und dort Wunder bewirken. Den braunen Rest, der nicht von meiner Haut absorbiert wurde, von selbiger wieder abzukratzen und zu spülen, ist ein wenig mühsam, es wollen Ränder bleiben. Danach rieche ich noch den ganzen Tag wie frisch ausgebuddelt. Ein »Paradies auf Erden« nannte Goethe Franzensbad.
Karlsbad
Geräuschvoll klappern die Hufe über das Straßenpflaster. Caesar und Arthus, zwei artige Schimmel, ziehen die Kutsche – eine der sechs letzten Pferdekutschen in Karlsbad. Die Stadt liegt im Tal des Flusses Teplá und schmiegt sich an die bewaldeten Hänge des Kaiserwaldes. Wie »ein Brillant in einer Smaragdfassung«, beschrieb Alexander von Humboldt die Lage im Grünen.
Einer Legende nach wurde Karlsbad im 14. Jahrhundert vom böhmischen König und römisch-deutschen Kaiser Karl IV. gegründet. Er soll die einzigartigen heißen Quellen bei der Hirschjagd entdeckt haben. Daher auch der Name »Karlovy Vary«. »Vary« heißt Warmbad, »brühendes Wasser«, wie unsere Reiseleiterin Jitka bei der Fahrt in der mit rotem Samt ausgeschlagenen Kutsche erklärt. Die Karlsbader Quellen sind heiß, allen voran der Sprudel mit etwa 73 °C. Er schießt als Geysir bis zu 12 Meter in die Höhe. Eingehegt wird er durch die Sprudelkolonnade, einem 1970er-Jahre-Bau, kürzlich saniert.
Die Kutschfahrt führt uns vorbei an prächtigen Fassaden. Schon Marienbad sieht aus wie frisch aus der Zuckerbäckerstube. In Karlsbad kommt es aber ganz dicke: Lauter süße Lagen aus Architekturstilen. Der französische Architekt Le Corbusier nannte den Baustil »Stelldichein der Sahnetörtchen«.
»Man könnte meinen, dass sei positiv gemeint gewesen«, sagt der Historiker Lubomir Zeman sanft schmunzelnd bei einem Stück Pupp-Torte im gleichnamigen Grandhotel. Das Pupp ist sozusagen die Hochzeitstorte unter den Häusern, in seinem üppigen Neobarockstil. Kein Wunder, dass es Vorbild für den Wes-Anderson-Film »Grand Budapest Hotel« war. Zeman fährt fort: »Die Architektur in Karlsbad ist wie ein Theater, sie sollte unterhalten. Zuerst denkt der Gast, er sei in Italien, dann in Frankreich, ein paar Häuser weiter sieht er englische Motive, die Marktkolonnade ist im Schweizer Stil gehalten, aber auch arabische Gäste erkennen ihre Ornamentik wieder.« Eine besondere Zierde sind die Kolonnaden, allen voran die Mühlbrunnkolonnade mit ihren 124 Säulen. Die weiße Marktkolonnade im Schweizer Stil sieht aus wie eine Kreuzung aus Berghütte und Tortenspitze. Sie ist aus Holz und war zunächst als Provisorium gedacht – nach etwa einem Jahrhundert fiel der Beschluss, sie zu bewahren.
Doch wozu überhaupt die Kolonnaden, diese langen Wandelhallen? Dr. Milada Sarova, Kurärztin, international renommierte Balneologin und Inhaberin des Hotels Prezident, erklärt es mir: »Dr. Becher – ein ›Aristoteles für Karlsbad‹, hat im 18. Jahrhundert als Erster das Wasser der Quellen analysiert. Und er hat festgestellt: Das Wasser muss man an der Quelle trinken.« Er integrierte Spaziergänge in den Behandlungsplan und achtete dabei auf einen ausgewogenen Rhythmus zwischen Bewegung, Trinken und Baden. So wurden über den Quellen Altanen oder Kolonnaden errichtet und Promenadenwege angelegt.
Drei Dinge sind laut Dr. Sarova für eine gelungene Kur grundlegend wichtig: »Guter Schlaf, etwa acht Stunden. Atmen, am besten in Bewegung, bei Kurspaziergängen durch die therapeutische Landschaft. Und das Wasser. In Karlsbad haben wir im Wasser alles: Sulfate …«. Sie zählt chemische Verbindungen auf, erklärt die Wirkung auf den Körper, fertigt zum besseren Verständnis kleine Zeichnungen an. Dabei ist sie sehr zugewandt, stellt mir auch immer wieder Fragen zu meinem Wohlbefinden. Vaclav Havel, Michail Gorbatschow und viele weitere Prominente hat sie bereits betreut. Wenn man sie so erlebt, kompetent und herzlich, versteht man leicht, warum die Menschen ihr vertrauen. Vielleicht ist das, neben dem Wunderwasser, ein Schlüssel zum Erfolg einer solchen Kur: Die Aufmerksamkeit, die die Kurärztin schenkt. Und die Zeit. »Eine richtige Kur dauert 2 bis 3 Wochen, Wellness nur 3 bis 4 Tage«, bemerkt Dr. Sarova.
Große Filmplakate spiegeln sich im Wasser der Teplá. In der runden Auffahrt des Grand Hotel Pupp stauen sich die Limousinen. Das alljährliche Filmfestival beginnt. Im Boden sind kleine Metalltafeln eingelassen, mit den Namen der prominenten Gäste. Leonardo DiCaprio war hier, hinter uns schlendert Michael Caine durch die Halle. Goethe war natürlich auch in Karlsbad, insgesamt 13 Mal. Der letzte Kaiser, der in Karlsbad kurte, war Haile Selassie.
Im Westböhmischen Bäderdreieck kamen internationale Machthaber zusammen. Die Wohlfühlatmosphäre trug zur angenehmen Stimmung bei. »Das Milieu eines Badeortes beeinflusst die Politik. Bei der Kur im Bad haben die Mächtigen ihre feindlichen Ansichten vergessen«, so der Historiker Zeman.
Hier, im »Salon Europas«, wurde – und wird – die Gesellschaft geprägt. Manchmal auch im Bademantel.Foto: © Kirsten Rick
artifex 01/2026: Wellness - Seite 19