artifex 02/2026: Fernreisen
Vorlesen:
Kapstadt-Namibia_mit dem Zug
VON KAPSTADT nach Namibia
Der African Explorer stoppt in der namibischen Steppe bei Erongo. (Foto: © Roland Motz)
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ROLAND MOTZ
Von der Aussichtsplattform des African Explorers sehen wir den Tafelberg immer kleiner werden. Hinter maroden Containern tauchen neben den Gleisen die ersten Townships auf. Stunden zuvor hat Rohan Voss, der legendäre Eisenbahntycoon und Eigentümer von Rovos Rail, seine 47 Gäste noch persönlich am Bahnhof verabschiedet. Es dauert eine ganze Weile, bis der luxuriöse Zug die Wellblechsiedlungen mit ungeteerten Straßen und rudimentärer Infrastruktur, in denen ein Großteil der Kapstädter leben muss, hinter sich gelassen hat.
Bei Worcester beginnt der langsame Aufstieg durch niedriges Buschland zum Hochplateau der großen Karoo-Halbwüste. »Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuß der Ngong-Berge«, beginnt Tania Blixens Roman »Jenseits von Afrika«, der in der Bordbibliothek ausliegt. Langsam senkt sich die Sonne über dem afrikanischen Busch. Blutrot und fast kitschig wie im gleichnamigen Film mit Meryl Streep und Robert Redford. So begeben wir uns vom mahagonigetäfelten Salonwagen durch Intarsien verzierte Türen in einen der beiden Speisewagen. Gediegenes Geschirr, mit Initialen versehenes Besteck, mit grünem Samt bezogene Stühle unter Kristalllüstern. Das Amuse-Gueule steht schon bereit.
Nein, wir sind keine viktorianische Reisegesellschaft spleeniger Adliger im Gefolge von Cecil Rhodes, dessen epochaler Traum von einer Eisenbahnlinie zwischen Atlantischem und Indischem Ozean am Sambesi vor den Victoriafällen endete. Wir sind ganz normale, neuzeitliche Fahrgäste im African Explorer, einem der mittlerweile acht historischen Züge, die Rohan Voss seit Jahrzehnten aus alten Waggons originalgetreu restaurieren und zu einer Art Grand Hotel auf Schienen zusammenbauen lässt. Eine Staatsanwältin möchte in der großen Weite Namibias temporär der »quetschenden Enge« ihres Heimatlandes entrinnen, der emeritierte Professor seinem Denken »weniger enge Bahnen « eröffnen, die junge Schweizer Lokführerin mit den grüngefärbten Haaren einmal selbst gefahren werden. Alle wollen eine außergewöhnliche Reise im südlichen Afrika erleben.
ÜBER DEN ORANJE-FLUSS NACH NAMIBIA
In De Aar biegt eine eingleisige Bahnlinie nach Nordwesten ab. Während der Nacht hat es geregnet. Trotz vieler Pfützen wirkt das flache Land karg, vor allem aber unendlich weit und leer. Nach langen Verhandlungen darf Rovos seit einem Jahr die namibischen Steigungen mit eigenen leistungsstarken Maschinen befahren.
Stundenlang warten wir auf zwei neue Lokomotiven. Außerhalb des klimatisierten Zuges herrscht eine High-Noon-Westernatmosphäre. Brütende Hitze, verfallene Bahnhofsgebäude, ein paar Fliegen, keine Menschen. »There is no hurry in Africa«, rufen uns die Lokführer zu. »No problem«, antworten wir, »no hurry« gelte auch bei der Deutschen Bahn.
Die Maschine stampft. Zweige streifen durch offene Waggonfenster. Wir gewinnen an Höhe. In der Ferne sind vereinzelt Strauße und immer wieder Springböcke zu sehen. Nicht umsonst ist die Antilope, deren Babys zehn Minuten nach ihrer Geburt bereits auf eigenen Füßen stehen können, Südafrikas Nationaltier. Von Hyänen bis auf den letzten Knochen abgenagt, hängt eine gescheiterte Oryxantilope am Schutzzaun direkt neben dem Gleis. »Nature in the raw, die Zäune sind für Wildtiere ein großes Problem«, sagt Dr. Etienne Myburgh, »mit der Schafzucht kamen die Zäune und mit ihnen endeten die großen Springbock-Wanderungen in der Karoo«. Der renommierte Krebschirurg aus Kapstadt begleitet unsere Reise als Bordarzt. Etienne ist passionierter Jäger. Aber kein Trophäenjäger, sondern ein Selbstversorger, der sein eigenes Biltong herstellt und nur so viel jagt, wie er mit seiner Familie verbrauchen kann.
Mittlerweile haben wir die Hochebene erreicht. Das semiaride Buschland der Karoo ist allmählich in die Wüste der Kalahari übergegangen, das Ockergelb einem Braunrot gewichen. Wir bewegen uns 1.200 m über dem Meeresspiegel durch das am dünnsten besiedelte Gebiet Südafrikas. Keine Hütte, kein Dorf bis Upington. Wie eine langgestreckte Oase fräst sich der Oranje durch das Trockengebiet. Nach einem Abstecher zu den beeindruckenden Augrabies-Fällen überqueren wir den Grenzfluss. Die wichtige Lebensader hat viele Namen. Die Buschmänner nannten ihn »Gelbes Wasser«, die Nama »Unser Fluss«, die ersten Siedler »Großer Fluss«, bis die Buren ihn schließlich aus alter Kolonistentradition nach dem holländischen Königshaus Oranje tauften.
»THERE IS NO HURRY IN AFRICA.« NAMIBIANISCHER LOKFÜHRER
VOM FISH RIVER CANYON IN DIE PFANNE DES TODES
Wo immer man in Namibia unterwegs ist, bald fängt die absolute Einsamkeit an. So auch auf der sandigen Piste zum Fish River Canyon, dem zweitgrößten der Welt. Ein Bus bringt uns zum spektakulären Aussichtspunkt bei Hobas, von wo wir entlang der Abbruchkante zum Hikers Point wandern. Warnschilder verbieten den Abstieg in die menschenfeindliche Schlucht. Der 84 km lange Trail ist wegen der mörderischen Hitze nur mit Erlaubnis und entsprechender Vorbereitung zwischen Mai und August machbar. Wer länger als sechs Tage braucht, gilt als vermisst.
Wir erreichen Mariental. In der Gegend ist es zwischen 1903-1907 immer wieder zu heftigen Kämpfen zwischen den aufständischen Hereros und den deutschen Schutztruppen gekommen. Am staubigen Schild eines nicht mehr vorhandenen Bahnhofs verlassen wir den Zug und fahren mit dem Bus zur Namib Desert Lodge. Sie liegt spektakulär zwischen versteinerten roten Sanddünen am Rande der Namib. Die älteste Wüste der Erde zieht sich die gesamte namibische Küste entlang und hat dem Land seinen Namen gegeben. Frühmorgens machen wir uns auf den Weg zum Dünenmeer von Sossusvlei. In gelben Riesenwellen türmen sich die zum Weltnaturerbe erklärten Sandgebirge vor dem Atlantik auf. Die letzten Kilometer durch den Naukluft-Nationalpark können wir nur noch im Schritttempo mit dem Jeep passieren. Zum absoluten Höhepunkt wird der barfüßige Aufstieg auf den 325 m hohen Dünenkamm über dem Dead Vlei. Schwarzgebleichte Skelette tausendjähriger Kameldornbäume ragen in apokalyptischer Schönheit aus dem grellweißen, zu Ton gehärteten Sandboden der »Todespfanne« hervor.
SWAKOPMUNDS KOLONIALES ERBE
Nebel und ein kühler Wolkenteppich haben sich über die Bucht gelegt. Swakopmund ist noch immer stark vom deutschen Kolonialerbe geprägt. Ausgerechnet der ehemalige Bahnhof, das schönste Gebäude der Stadt, wurde zum Luxushotel mit angegliedertem Kasino umgebaut. So müssen wir leider vor der Stadt »parken«. Um zehn Uhr abends wird der Zug abgeschlossen. Dennoch hat Chefreiseleiter Hajo Bobsin zwei lokale Sicherheitskräfte angeheuert, die während der Nacht auf beiden Seiten des Zuges patrouillieren und für zusätzliche Sicherheit sorgen sollen. Wir verschmähen die Schweinshaxe im Brauhaus, ebenso die vielgelobte Schwarzwälder Kirschtorte im Café Anton neben dem martialischen Kriegerdenkmal für die deutschen Gefallenen während des Herero-Aufstands und schlendern stattdessen vom ehemaligen Kaiserlichen Bezirksgericht zum Hohenzollernhaus. Die Straßen sind größtenteils umbenannt. So ist aus der Kaiser-Wilhelm-Straße längst die Sam Nujoma Avenue geworden, aber die erst seit 1990 unabhängigen Namibier wissen noch immer nicht genau, wie sie mit dem kolonialen Erbe umgehen sollen. Das zeigt sich auch in der seit 1900 bestehenden wunderschönen »Swakopmunder Buchhandlung« mit ihrem großen Angebot absolut kontroverser Literatur in Englisch und Deutsch. So steht neben kolonialismuskritischen Büchern wie Uwe Timms »Morenga« oder Gaea Schoeters »Trophäe« ein volles Regal verklärender Kriegsberichte wie »Gut und Blut für unseren Kaiser« oder rassistische Unterdrückung rechtfertigende Schriften wie »Vom Niemandsland zum Ordnungsstaat«.
FELSZEICHNUNGEN AM FUSS DER SPITZKOPPE
Im frühen Küstennebel beginnt der Aufstieg vom Meer ins Hochland. Bald weicht die Dünenlandschaft erneut einer brütend heißen Halbwüste. Weiter nördlich stoßen wir auf Steppengras, Dornenbüsche und in den Trockenflussbetten auf erstaunlich viele Wasserstellen. In den vergangenen Wochen hat es nach jahrelanger Trockenheit ungewöhnlich viel geregnet. Vom unscheinbaren Ebony aus fahren wir zur markanten Spitzkoppe. In der flimmernden Hitze erhebt sich das bei Bergsteigern beliebte Matterhorn Namibias wie eine Fata Morgana aus der baumlosen Ebene. Die Wanderung zum historischen Siedlungsplatz der San-Buschmänner dauert nicht lange. Ein lokaler Guide erklärt die jahrtausendealten Felszeichnungen am Fuße der Spitzkoppe. Man kann sie als eine Mischung aus Geschichtsbuch und Landkarte verstehen. So bedeutet etwa ein Kreis mit einem Punkt in der Mitte eine sichere Wasserstelle. Vor allem aber sind die vorzeitlichen Felsgravuren ein Kunstobjekt, das Jagdszenen in erstaunlicher Präzision darstellt.
IM ETOSHA NATIONALPARK
Die seilen Hänge der Erongo-Berge färben sich immer rötlicher, je tiefer die Sonne hinter uns im afrikanischen Busch versinkt. Jetzt erst, mit einbrechender Dunkelheit und nachlassender Hitze, wagen wir uns wieder auf die offene Aussichtsplattform am Zugende. Auf dem nahen Hügelkamm steht regungslos eines der seltenen Bergzebras. Namibia ist bekannt für seine vielen Wildtiere auch außerhalb der Nationalparks. Nach dem Abendessen gehen in den Abteilen schon bald die Lichter aus, aber das Kreuz des Südens hängt noch lange über dem African Explorer.
Am nächsten Morgen erreichen wir Tsumeb, die ehemalige Kupferminenstadt und das heutige Eingangstor zu Namibias Hauptattraktion. Im Etosha-Nationalpark ist es mit dem Wandern vorbei, selbst das Aussteigen aus den Geländewagen ist strikt untersagt. Dafür sehen wir Wildtiere in Hülle und Fülle. Im Namutoni Rest Camp hängen Hinweisplakate mit der kostenlosen Nummer 5555, die man bei Verdacht auf Wilderei anrufen soll. Doch häufig sind es die schlecht bezahlten Wildhüter selbst, die vor Bedrohungen zurückweichen oder den Verlockungen eines saftigen Schmiergeldes nicht widerstehen können. Kürzlich seien dreißig Ranger wegen Kooperation mit den Wilderern ins Gefängnis gekommen, erfahren wir von einer Spezialeinheit zur Bekämpfung der Nashornwilderei, die wie wir im Namutoni-Camp Schutz vor den plötzlichen Regengüssen gesucht hat.
Zur Freude aller Namibier hat es seit fünfzehn Jahren nicht mehr so viel geregnet wie zurzeit. Eine riesige Salzpfanne, die man selbst vom Weltall aus sehen kann, ist das Herzstück des berühmten Nationalparks. Der Regen hat die Etosha-Pfanne, von den Ovambos »großer, weißer Platz« und »Ort des trockenen Wassers« genannt, in einen zentimeterflachen See verwandelt. So sind die Wildtiere nicht mehr gezwungen, sich an wenigen Wasserstellen aufzuhalten. Daher haben die Guides die erhoffte Begegnung mit auf Beute lauernden Löwen für gering eingeschätzt. Um so beglückter sind wir, als plötzlich wie zum Fotoshooting bestellt ein Prachtexemplar aus dem Gebüsch auftaucht. So nahe, dass wir im offenen Safari-Fahrzeug instinktiv näher zusammenrücken.
»DAS AUSSTEIGEN AUS DEN GELÄNDEWAGEN IST STRIKT UNTERSAGT.«
FREIE FAHRT NACH WINDHOEK
Usakos hat seine besten Tage längst hinter sich. Der Ort am Rande des Gebirges wurde einst als Wasserstation für die Dampflokomotiven auf der Strecke von Swakopmund zu den Kupferminen von Tsumeb gegründet. So wie der Ort seine Existenz der Eisenbahn zu verdanken hat, ist die Bahn auch für den Niedergang verantwortlich. Ein im Verfall begriffener Bahnhof, keine Züge, keine Passagiere. Nur die flirrende Hitze Afrikas. Hinter weißgelbem Steppengras verlieren sich niedrige Bergrücken im Dunst.
Namibia ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland, verfügt aber noch immer über das kleine Schienennetz aus der Kolonialzeit, als über Windhuk die Reichsflagge wehte und die Independence Road noch Kaiserstraße hieß. Heute fährt niemand mehr mit der Bahn. Ausschließlich Güterzüge verkehren auf den sanierungsbedürftigen Gleisanlagen. Erstaunlicherweise ist der Streckenabschnitt zwischen Tsumeb und der Hauptstadt jedoch frisch renoviert. Anders als beim ruckeligen Aufstieg aus dem Oranje-Tal zu Beginn der Reise gleiten wir ruhig zwischen Weideland und Straußenfarmen dahin. Geier sitzen auf abgestorbenen Bäumen. Dann wieder verbuschte Savanne, erstaunlich grün von den ungewöhnlich heftigen Regenfällen der letzten Wochen. Ab und zu flache Hütten, die mit der Landschaft zu verschmelzen scheinen. Hinter dem Ortsschild Teufelsbach ist kein Ort erkennbar. Nur ein Abstellgleis verliert sich gottverlassen im 1.600 m hohen Niemandsland. »Wenn ich auf mein Leben in Afrika zurückblicke, könnte ich es als das eines Menschen beschreiben, der aus einer lärmenden, unruhigen Welt in ein stilles Land gekommen war,« schreibt Tania Blixen. Unsere Koffer sind gepackt. Es ist nicht mehr weit bis Windhoek. Während unser Zug gemächlich kerzengerade auf die namibische Hauptstadt zurollt, ein letzter Blick in den melancholischen Klassiker: »Nach allen Seiten war die Aussicht weit und unendlich. Alles in dieser Natur strebte nach Größe, Freiheit und hohem Adel«. Wir werden wohl nie eine Farm in Afrika haben. Aber wir hatten ein Abteil im African Explorer, vom Tafelberg in Südafrika bis zum Fuße der Erongo-Berge in Namibia. Auch nicht übel.
Reisetipps
Anreise
Zum Beispiel mit Lufthansa von Frankfurt/Main nach Kapstadt 11.5 Stunden, Rückflug von Windhoek 10.5 Stunden.
Einreise
mit Reisepass, der noch 6 Monate gültig sein muss.
Beste Reisezeit
außerhalb der heißesten Zeit, also von Mai bis Dezember.
Gesundheit
Keine Impfungen vorgeschrieben. Allerdings wird für den Etosha-Nationalpark eine Malaria-Prophylaxe empfohlen, am besten den Hausarzt fragen.
Expeditionsreise
Lernidee bietet die 16-tägige Reise »Juwel der Wüste« zwischen März 2026 und Dezember 2027 ab 10.450 Euro pro Person an.
lernidee.de
Die Recherche zu diesem Artikel wurde unterstützt von Lernidee.
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