artifex 03/2022: Gin
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THOMAS HENRY: DIE BESTEN MIXER
Thomas Henry, geboren in der Berliner Barwelt. (Foto: © Thomas Henry)
GEHT ES UM EIN GUTES TONIC, FÄLLT FAST IMMER AUCH DER NAME „THOMAS HENRY“. DABEI IST DIE MARKE NOCH GAR NICHT ALT. ERST 2010 WURDE SIE IN „DER BERLINER BARWELT“ GEBOREN UND HAT SEITDEM EINEN SIEGESZUG HINGELEGT.
Bei „Wer wird Millionär“ wäre es allenfalls eine 50-Euro-Frage: Wer findet das passende Wortpaar zu Gin? Na klar, das ist natürlich Tonic und es gibt keine Bar, die nicht einen GinTonic servieren würde. Doch so wie Gin nicht gleich Gin ist, verhält es sich auch beim Tonic. Eine Marke kennt fast jeder und auch ein Thomas Henry muss aushalten, dass sein Wettbewerber Schweppes genannt wird. Denn dieser Firma ist es überhaupt zu verdanken, dass Kohlensäure ins Wasser und damit auch in die Flasche kamen. Thomas Henry als Marke hat erst 2010 erstmals in den Gläsern geprickelt, weil sich Menschen hinter dem Bartresen eine prickelnde, leckere Alternative wünschten.
Doch drehen wir das Rad der Zeit zurück ins Jahr 1783. Wie schon den Gin hat auch ein Deutscher die Möglichkeit gefunden, Kohlensäure ins Wasser zu bekommen: Jacob Schweppe, seines Zeichens Juwelier und Uhrmacher, der am 16. März 1750 in Witzenhausen in der Landgrafschaft Hessen-Kassel als Jacob Schweppeus geboren wurde. Er hatte sich in Genf niedergelassen und entwickelte dort ein Verfahren, um Brunnenwasser haltbarer zu machen. Denn das wurde in Flaschen schnell grün. Ab 1780 entwickelte er das so genannte Geneva-System, mit der er Wasser mit Kohlensäure versetzte. Und damit die Kohlensäure im Wasser blieb, packte er das Wasser in Egg-Bottles, die wie ein Ei aussahen und sich nur liegend transportieren ließen. Das Wasser hielt so den Korken feucht, der dadurch wiederum dicht bliebt und die Kohlensäure blieb im Wasser blieb. 1783 ließ er sich sein System zunächst patentieren – das Sodawasser und damit die Basis für Tonic Water.
Doch ein echtes Tonic Water enthält Chinin und Zitrone – und hier kommen zunächst die französischen Apotheker Pierre-Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou ins Spiel, denen es 1820 als erstes gelang, Chinin zu isolieren. Das wiederum war schon lange als Heilmittel gegen Fieber und damit auch Malaria, dem tropischen Sumpffieber, bekannt. Dummerweise löste sich das Mittel nur sehr schwer in Wasser; nur die Zugabe von Säure half – oder Alkohol. Um 1870 kam die Firma Schweppes auf die Idee, als Lösungsmittel für das Chinin Zitronensäure zu nehmen – und weil das Chinin sehr bitter war, half Zucker, die Einnahme zu versüßen.
Angeblich sollen daher britische Soldaten in den Tropen auf die Idee kommen sein, durch die doppelte Löslichkeit von Chinin in Alkohol – namentlich im Wacholderschnaps – und Zitronensäure zusammen mit Soda zu einem erfrischenden, wenn nicht gar berauschenden Getränk zu verwandeln. Zweifel daran sind durchaus angebracht, aber es ist eine immer wieder gern erzählte Geschichte, dass Gin und Tonic auf diesem Wege zueinander brachten. Und Schweppes, seit 1831 königlicher Hoflieferant in England, hatte seinen Platz als Tonic-Lieferant eingenommen.
Doch damals wie heute gab es Wettbewerber. Tatsache ist: Auch wenn Tonic-Marken selten global wie eben Schweppes wahrgenommen werden – die Zahl der unterschiedlichen Sorten steht denen des Gins kaum nach. Nicht selten haben sogar Ginhersteller ein eigenes Tonic entwickelt, was deren Ideal eines GinTonics eher entsprach als marktgängige Produkte, zu denen Goldberg, Fevertree und eben auch Thomas Henry zählen, die sich einen grenzübergreifenden Ruhm erarbeitet haben.
Thomas Henry hat rund eine Dekade gebraucht, um sich einen exzellenten Ruf auch außerhalb Deutschlands zu erarbeiten. Denn die Marke entstand erst 2010, „geboren in der Barwelt Berlins“, die die Macher selbst gerne sagen. Dabei handelt sich um die beiden Berliner Sebastian Brack und Norman Sievert, die sich für ihre Lieblingsdrinks die besten Mixer wünschten – „aber keins entsprach unseren Ansprüchen“, so die beiden. Im Kreis von Barkeepern, Barkeeperinnen und Gastro-Profis entstanden schnell erste Idee für solche Mixer – und noch im gleichen Jahr feierten fünf Mixer auf der Bar Convention Berlin (BCB, DER Messe für die Barwelt) ihre Premiere: Tonic Water, Spicy Ginger, Ginger Ale, Bitter Lemon & Soda Water. Ein Jahr später, 2011, gingen die ersten Sorten auch in den Verkauf.
Auch der Name war schnell gefunden. Denn nicht nur Jacob Schweppe war es gelungen im 18. Jahrhundert mit Hilfe von Kohlensäure Wasser haltbarer zu machen. Sein Pendant in England hieß Thomas Henry, der 1773, also zehn Jahre vor dem Patent des deutschen Juweliers und Uhrmacher, ebenfalls Wasser mit Kohlensäure versetzt hatte. Thomas Henry war Apotheker, Chemiker und Mitglied der Royal Society, aber auch nicht der erste, der sich dieser Aufgabe verschrieben hatte, aber sie konsequent weiterverfolgt hatte. Wie sein deutscher Wettbewerber in der Schweiz begann auch Henry schnell mit der kommerziellen Vermarktung seines Sodawassers, wie sein Konkurrent auch erst nur für medizinische Zwecke.
Vor allem für Biertrinker leistete Henry einen wichtigen Forschungsbeitrag: Er fand heraus, dass Brauer die Stammwürze beim Bier auch ohne Hefe vergären konnten, in dem man Kohlensäure einbrachte. Das beschleunigte den Brauprozess und machte das Bier nebenbei noch schmackhafter. Doch das war für die Berliner eher zweitrangig – es zählten seine Verdienste um das Sodawasser. Auch bei dem Logo der Marke waren die Macher nicht ganz genau: Wer das Konterfei mit den Darstellungen Henrys vergleicht, wird sehr schnell feststellen, dass es dessen Sohn William darstellt, der sich mit seinen Erfindungen aus der Chemie einen ebenso guten Ruf erarbeitet hatte wie sein Vater Thomas.
Heute weist Thomas Henry neben seinen Mixern viele weitere neue Fillers für die Barwelt auf. Allein das Tonic Water bekam mit einem Dry Tonic, einem Botanical Tonic, einem Cherry Blossom Tonic und einem Wild Berry reichlich Familienzuwachs. Und was sich alles aus und mit diesen Mixern zaubern lässt, verrät die Marke auch gern auf ihrer eigenen Website, auf der sich derzeit (November 2022) 88 Rezepte für höchsten Trink-Genuss finden.
artifex 03/2022: Gin - Seite 34