artifex 03/2026: Naturismus
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NACKTHEIT - Zwischen Tabu und Natürlichkeit
(Foto: © Rouslan/123RF.com)
Wie war noch mal die kritische Stelle in der Bibel? «Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter und machten sich Schurze», heißt es in Genesis 3,7. Kleidung statt nackter Haut, aus Scham. Aber worüber? «Vielleicht wäre die Geschichte des Christentums fröhlicher, gesünder, entspannter, gelassener, ja auch aufrechter und toleranter verlaufen, wenn nicht eine unselige Verknüpfung von Scham und Nacktheit sich aus der Deutung der Paradiesgeschichte ergeben hätte,« mutmaßt Marilene Hess, die sich selbst als freie Störpfarrerin, Leib- & Seelsorgerin beschreibt und dies im schweizerischen Kirchenboten für Grub und Eggersriet 2021 formulierte. Sie ist nicht die Einzige, die diese Stelle hinterfragt, ob sich Adam und Eva wegen ihrer Nacktheit oder wegen des Vertrauensbruchs schämten.
Kulturgeschichtlich betrachtet gab es Zeiten, in denen die Menschen deutlich entspannter mit der Nacktheit umgingen. Aber auch das gilt: Nacktheit war tatsächlich nie die Norm, sondern stand stets in einem Kontext. „Nacktheit war nur nicht so tabuisiert wie heute“, sagt Prof. Dr. Stefan Ritter, der bis zu seinem Ruhestand im Februar 2025 Vorstand des Instituts für Klassische Archäologie der LMU München war.
Das zeigt das gern zitierte Beispiel des Nacktsports im antiken Griechenland. Das griechische Wort „gymnós“ heißt nackt und die sportlich aktiven Männer absolvierten ihre Übungen und Wettbewerbe tatsächlich nackt – inklusive der Olympischen Spiele. Während sie nicht einmal einen Lendenschurz trugen, galt bei Frauen Nacktsport als unschicklich. Sie rannten bei ihren Wettkämpfen, den sogenannten Heräen zu Ehren der Göttin Hera, bekleidet um die Wette. Ihre Kleidung ließ eine Brust frei, hinzu kam ein kurzer Rock für den Höhepunkt des Wettbewerbs, einen Sprint über 160 Meter. Für die Siegerinnen gab es Ölbaumkränze und Teile einer für die Göttin geopferten Kuh.
So bleibt die Frage, warum Abbildungen von Menschen sie immer ohne Kleidung darstellten. Der Grund damals wie heute: Die Darstellung nackter Menschen folgte einem Ideal, das damals allerdings wesentlich weiter ging. Ein schöner Körper stand für „Leistungsfähigkeit und Gesundheit, aber auch für innere Schönheit“, sagt Ritter. Heute ist die Nacktheit lediglich auf das optische Erscheinungsbild reduziert. Es herrscht ein, wie Soziologen sagen, „Terror der herrschenden Schönheitsideale“, der durch die Massenmedien und vor allem durch Social Media ständig auf die Menschen eintrommelt.
Wie entspannt das Verhältnis zur Nacktheit war, zeigt sich in der Badekultur. Schließlich wussten schon die alten Griechen um die heilende Wirkung von Wasser und zelebrierten eine öffentliche Badekultur – nackt und gemeinsam. Dies schon rund 500 Jahre v. Chr., als für die Sportler Möglichkeiten zur Körperpflege nach getanem Training entstanden. Die Römer haben diese Kultur öffentlicher Bäder perfektioniert, mit Gewölben, Säulen, Stuck und nicht zuletzt einer Fußbodenheizung, dem Hypokausten-System. Das änderte auch den Charakter von einer reinen Hygieneeinrichtung hin zu einem Ort für gesellschaftliche Ereignisse – unter Nero gab es Thermen für 1.000 und mehr Gäste, in denen geredet, diskutiert oder gar Verträge abgeschlossen wurden.
Nacktheit war auch weiterhin üblich. Die frühen christlichen Taufen von Erwachsenen erfolgten nackt, ebenso ein gemeinschaftliches Baden über die Jahrhunderte bis hin in die Renaissance, auch wenn mit dem Zerfall des Römischen Reiches viele Kulturerrungenschaften zunächst unter die Räder gerieten. Aber in der Renaissance ging es auch der Nacktheit an den – nicht vorhandenen – Kragen, weil allmählich Kleidung in der Wertigkeit gesellschaftlich anders eingeordnet wurde.
Kleidung erfüllt drei Zwecke. Erstens geht es um die Schamverdeckung – jede Gesellschaft, selbst in der Antike, hatte klare Regelungen, auch wenn später die Vorgaben vor allem durch die Religion oft zwanghaft entstanden. Zweitens dient Kleidung zum Schutz vor äußeren Einflüssen. Und drittens gibt es den schmückenden Aspekt: Textilien dienen dazu, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber auch, um Rang, Status oder sonstige Zugehörigkeiten zu einer Gruppe zu zeigen. Die simple Formel: Wer keine Kleidung hatte, war arm, was besonders im Mittelalter galt. Kleider machen eben doch Leute.
Geht es hingegen um Bademode, ergibt sich eine völlig andere Entwicklung – Kleidung gab es nicht, auch wenn Archäologen bei Ausgrabungen sogar Darstellungen von Bikinis aus der Römerzeit entdeckten. Badebekleidung machte sich erst im 20. Jahrhundert breit, bis dahin wurde selbst im viktorianischen England nackt gebadet. Allerdings dann schon unter der Prämisse der Geschlechtertrennung.
Problematisch war an öffentlichen Stränden, beide Gruppen zu trennen. Und genau das war Anlass für eine Badebekleidung, möglichst alle Stellen bedeckend und natürlich blickdicht, was nicht gerade zu komfortablen Lösungen führte. Erst in den 1920er Jahren gab es erste Ansätze, Bademoden tatsächlich zweckmäßig zu gestalten, während sich gleichzeitig ausgewiesene Nacktbadestrände etablierten – keine Reaktion ohne Gegenreaktion. Geblieben ist aber das Spannungsfeld zwischen Tabu und Natürlichkeit, zwischen „Schönheitsideal“ und Körperrealität – und eben zwischen denen, die es nackt lieben, und denen, die es ablehnen. SBU
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