artifex 01/2024: Frankreich
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ARTIFEX 01/2024
La Réunion: EINE REISE ZUM DACH DES INDISCHEN OZEANS
(Foto: © DHB)
Guetali. Mal schauen. Das Leben auf La Réunion ist entspannt. Die Zeit auf dem Inselchen im indischen Ozean eher ein abstrakter Begriff. Niemand nimmt Verspätungen übel. Ein vereinbarter Termin gilt mehr als Richtwert als ein Muss. Mit einer Fläche von gerade mal 2.500 Quadratkilometern ist La Réunion das kleinste der vier französischen Übersee-Departments und gleichzeitig südlichster Punkt der Europäischen Union. Rund 860.000 Einwohner leben auf diesem bezaubernden grünen Fleck. Ein kreolisches Sprichwort besagt: „Auf La Réunion kann sich selbst die Ameise nicht verstecken.“
Und in der Tat. Wer La Réunion auf der Landkarte entdecken möchte, muss genau hinschauen. Gute 940 Kilometer von Madagaskar und 220 Kilometer von Mauritius entfernt, überrascht das Inselparadies mit einer üppigen Vegetation und einer herrlichen Küstenlandschaft. Auch sonst hat das Eiland einige Vorzüge zu bieten. Für die Einreise reicht der Personalausweis und Urlauber können stundenlang mit ihren Liebsten zu Hause sprechen, ohne gleich horrende Handyrechnungen fürchten zu müssen.
98 Prozent der Fläche werden von monumentalen Bergen gesäumt. Die Einwohner leben vom Zucker, dem Rum, etwas Handwerk und dem Tourismus. Bis ins 1700 Jahrhundert wurden hier Meuterer ausgesetzt. Im Mutterland war man felsenfest davon überzeugt, dass sie den sicheren Tod finden. Die Franzosen staunten nicht schlecht, als sie Jahre später die Menschen gut gelaunt, bei bester Gesundheit und wohlgenährt vorfanden. Ab da beginnt die Besiedlung der Insel. Für den Anbau des Zuckerrohrs werden Menschen aus Madagaskar, Indien und Afrika verschleppt und versklavt. 1848 endet die Sklaverei. Jedes Jahr feiert die Bevölkerung am 20. Dezember die Befreiung der Sklaven. Es ist das größte Fest auf der Insel.
Dank eines Mikroklimas zieht sich ein dichter Dschungel sanft über das von den Vulkanen geprägte Bergmassiv. Immer wieder tauchen Urzeitgewächse wie Palm- oder Baumfarne auf. Diese Pflanzen gab es schon in der Jurazeit und Dinosaurier noch auf Erden wandelten. Hoch hinausragend bestimmen die Vulkane „Piton de la Fournaise“ und der „Piton des Neiges“ als Dach des indischen Ozeans das Bild die Insel.
Die Vulkane gelten als friedlich. Doch mit seinen zahlreichen Eruptionen zählt der „Piton de la Fournaise“ zu den heißesten Sehenswürdigkeiten. Mindestens einmal im Jahr heißt es, „volcan la pété“, der Vulkan furzt. Der 2.631 Meter dunkle Riese spuckt dann sein rotglühendes Magma in den Himmel. Ein Spektakel, das von zahlreichen Beobachtern verfolgt wird. Die Lava bahnt sich mitunter sogar ihren Weg bis zur Küste hinunter. Zuletzt 2007. In den dort gebildeten Lava Tubes können Touristen mit Führern das Naturerlebnis aus nächster Nähe betrachten.
Wer nun endgültig vom Vulkan-Fieber gepackt ist, sollte den Besuch der Plaine des Sables nicht versäumen. Die auf 2.000 Metern gelegene Fläche aus rotbrauner Schlacke und Vulkangesteinen erinnert an eine friedliche Mondlandschaft.
Entlang der „Route du Volcan“ führt ein Wanderweg durch die 40.000 Jahre alte Schlackenwüste bis hin zum Aussichtspunkt „Le Pas de Bellecombe“ mit seinem sagenhaften Anblick auf den Krater. Schneller, aber nicht unbedingt bequemer ist eine Fahrt mit dem Auto. Der Weg dorthin führt über Schlaglöcher, die ihren Namen verdient haben. Die Schaukelpartie endet auf dem Parkplatz direkt vor einem Restaurant.
Weiter geht die Entdeckungstour über den Col de Bellevue. Auf 1.630 Metern Höhe geht es kurvenreich entlang einer Heidelandschaft mit Ginster und Aronstab. Auf der anderen Seite der Straße zieht eine Gebirgskette mit dem „Piton des Neiges“ als Mittelpunkt den Blick auf sich. Mit einem Augenzwinkern sagen die Inselbewohner, sei aus dieser Perspektive doch eindeutig das kantige Profil von Francoise Mitterand zu erkennen. Die Nasenspitze des früheren französischen Staatspräsidenten bildet der 3.071 Meter hohe Vulkan.
Bis zum Dach des indischen Ozeans sind es übrigens 24 Kilometer oder 35.000 Schritte. Beim Aufstieg ist neben einer Wasserflasche und Wanderstöcken eine gute Kondition empfehlenswert. Wer mag, und keinen Luxus erwartet, kann die Nacht in der Berghütte „Refuge de la Caverne Dufour“ verbringen. Am nächsten Morgen wird die Wanderung zum Gipfel fortgesetzt. Belohnt werden Sie mit einem fantastischen Sonnenaufgang und einem Blick auf die drei als UnescoWeltnaturerbe anerkannten Talkessel Cilaos, Salazie und Mafate.
IMMER NAH AM ABHANG
Der Weg zu den besiedelten Orten führt über schmale Serpentinen. Nicht jeder Autofahrer bekommt die Kurve. Zum Glück sind schnell helfende Hände da. Millimeter für Millimeter ruckeln anhaltende Autofahrer das vom Weg abgekommene Auto dann zurück auf die Straße. Vielleicht hilft ja auch ein Stoßgebet zum Heiligen Expedit? Die auffallenden rot bemalten Gebetshäuschen des Schutzheiligen sind zu Hunderten auf der ganzen Insel zu finden. Darin eine kleine Figur, gekleidet wie ein römischer Legionär. Doch Vorsicht. Expedit ist der Bad Boy unter den Heiligen und vom Vatikan nicht anerkannt. Spätestens nach zehn Tagen erfüllt Expedit die guten wie die schlechten Wünsche seiner Gläubigen. Doch wehe dem, der es dem Heiligen nicht dankt. Dann kann Expedit ziemlich sauer reagieren und sich fürchterlich rächen.
Angst haben die Bewohner in Cilaos allerdings nur vor einer Sache: Dass ihnen der Berg auf dem Kopf fällt. Der Weg in den Kurort mit seiner faszinierenden Natur führt über vierhundert Kurven. Bei starken Regen werden die Straßen oft verschüttet. Dann können die Bewohner nur noch mit dem Helikopter versorgt werden. Früher brachten Träger die Waren in die Talkessel. Inzwischen gibt es nur noch wenige von ihnen. Mitunter sind es die VIP’s von Rénunion, die sich den zweifelhaften Spaß gönnen, für viel Geld einen Kasten Bier in eine Berghütte tragen zu lassen.
Mit einer malerischen Pflanzenwelt, hohen Felswänden und herabstürzenden Wasserfällen wartet ebenso Salazie auf. Vor allem Familien finden in dem Talkessel herrliche Wanderwege vor. Viel Natur und Ruhe bietet der dritte Talkessel. Urlauber erreichen Mafate ausschließlich zu Fuß oder per Helikopter. Der kleine Talkessel bietet erstaunliche viele Unterkünfte und sogar eine Bäckerei und einen Lebensmittelladen sind hier zu finden.
Apropos essen. Wer La Réunion besucht, kommt an Cari nicht vorbei. Cari ist das Nationalgericht der Kreolen. Machen Sie sich darauf gefasst, die Speise aus Reis, Bohnen, Fleisch oder Fisch häufig bis oft serviert zu bekommen. Eine köstliche Variante gibt es zum Beispiel bei Mickael Gonthier und seiner Frau Raymonda. Zwanzig Kilometer von Cilaos gelegen, schlängelt sich der Weg zu ihrer Pension und Restaurant „Le Tapacala“ auf 1.087 Meter in die Höhe. Im Repertoire sind herrlich duftende Aufläufe oder süße Desserts, verfeinert mit Honig oder einem Hauch der auf La Réunion wachsenden Bourbon-Vanille. Ein Sklave entdeckte die aromatische dunkle Schote. Als Dank wurde er zum Vanille-Held gekürt. Die Bourbon-Vanille auf La Réunion zählt zu den Besten ihrer Art. Eine Besonderheit ist die „Blaue Vanille“. Der Betrieb L'Escale Bleue in Le Tremblet hat diese bei Sterneköchen beliebte Schote entwickelt
Am Ende einer bemerkenswerten Reise geht es mit einem Helikopter ein letztes Mal über das kleine, grüne Juwel im indischen Ozean. Mit einem unbeschreiblichen Gefühl fällt der Blick noch einmal auf zerklüftete Felsmassive, grüne Täler und einer Pflanzendecke, die einem Jurrassic Park alle Ehre macht.
ANREISE
Flug mit Air France bis Charles de Gaulle und Weiterflug mit Air Austral
air-austral.com
HOTELS
Le Cilaos ****
lecilaos.re/de
/Refuge de la Caverne DufourPiton des Neiges
Tel.+262 (0)262 51 15 26
Diana Déa Lodge ****
diana-dea-lodge.re
Palm hôtel & Spa *****
Petite Ile
PENSION UND RESTAURANT
Le Tapacala
tapacala.re
SEHENSWÜRDIGKEITEN
Vanilleplantage Escale Bleue
Route Nationale 2 le Tremblet -97442 Saint-Philippe 99
escale-bleue.fr
Helikopter-Flughafen
Hélilagon Altiport de l'Eperon
helilagon.com
WAS SIE WISSEN SOLLTEN
An der Küste der Insel wurde ein wichtiges Naturschutzgebiet angelegt. Dort leben verschiedene Hai-Arten, die teils vom Aussterben bedroht sind. Erkundigen Sie sich vor Ort, wo das Baden erlaubt ist und wo nicht.
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