artifex 02/2026: Fernreisen
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Seidenstraße_per Orient-Express
Ins Herz der SEIDENSTRASSE
Ali Burkhanov, unser usbekischer Guide, und das russische Personal sorgen für eine entspannte Atmosphäre an Bord. (Foto: © Roland Motz)
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ROLAND MOTZ
Dreimal pfeift die Lokomotive, dann setzt sich der von Lernidee gecharterte Sonderzug nach dreijähriger Zwangspause ruckartig in Bewegung, lässt die Kamerateams des usbekischen Fernsehens auf dem Bahnsteig von Taschkent hinter sich und rollt in die menschenleere Wüste. Es dauert eine Weile, bis wir uns in den mit orientalischen Plüschvorhängen dekorierten Abteilen eingerichtet haben. Abends sitzen sechzig überwiegend deutsche Gäste in den beiden Speisewagen beim Essen, das von russischen Kellnern mit stoischer Gelassenheit vom ersten Gang bis zum obligatorischen Wodka nach dem Dessert serviert wird.
Unser Zug ist ein nostalgischer Anachronismus. Niemand muss zwischen Taschkent, Samarkand und Buchara so langsam dahinzuckeln wie wir. Hochmoderne spanische Talgo-Schnellzüge verbinden die usbekische Hauptstadt mit den berühmten Oasenstädten, der weitere Ausbau nach Chiwa ist geplant. Außer den Lokführern gehören nur wenige Usbeken zum Zugpersonal. Noch zu ungewohnt sei der Job als Schaffner, die jeweils einen der Waggons zu betreuen haben, meint Chef-Reiseleiter Hajo Bobsin, der für Lernidee schon auf allen Schienen dieser Welt unterwegs war. Auch der wenig vertrauensbildende Versuch eines usbekischen Schaffners, 38.000 Zigaretten über die Grenze zu schmuggeln, habe dazu beigetragen, beim Neustart des Orient Silk Road Express nach Corona auf das eingespielte, seit Kriegsbeginn 2022 beschäftigungslose Team des Sonderzugs Zarengold der Transsibirischen Eisenbahn zurückzugreifen.
VON BUCHARA NACH CHIWA
Fein wie das Haar, aber scharf wie das Schwert soll der Koran sein. Kaum zu glauben, aber im heutzutage so entspannten Buchara waren früher besonders radikale Eiferer am Werk. Die ultraorthodoxen Imane hielten sich für bessere Muslime als die »verwestlichten« Glaubensbrüder in Mekka »hat doch die Fackel, die ihre Strahlen in die Ferne wirft, am Stiel immer ein wenig Finsternis.« Wer zwischen Tee trinkenden Mädchen, Eis essenden Kindern und Domino spielenden Männern am Wasserbecken Labi Chaus flaniert, in der ehemaligen Karawanserei oder unter den Kuppelbasaren nach bunten Seidenschals, teuren Messern aus Dalmatinerstahl oder einfachen Brotstempeln sucht, kann sich nur schwer vorstellen, dass in der für Ungläubige verbotenen Stadt noch weit im 19. Jahrhundert ein berüchtigter Sklavenmarkt existierte, zum Tode Verurteilte in Säcke eingenäht vom nachts so wunderschön anzusehenden Minarett Kaljan, dem vielbesungenen »Leuchtturm der Wüste«, in die Tiefe gestoßen wurden und ausländische Gesandte sich nach wochenlangem Warten dem Emir nur auf Knien nähern durften. Der Lebensmittelladen direkt gegenüber der Koranschule führt fünf verschiedene Sorten usbekischen Weins, in den Seitenstraßen neben der Synagoge empfangen Boutique-Hotels ihre Gäste, in Galerien zeichnen Kalligrafen auf Seidenpapier. Stundenlang wandern wir im Schatten der Kuppelbasare von Medresse zu Medresse, bis wir vor den 39 Grad ins kühle Halva Book Café über dem Basar der Geldwechsler flüchten.
» DIE ULTRA-ORTHODOXEN IMANE HIELTEN SICH FÜR BESSERE MUSLIME ALS DIE ›VERWESTLICHTEN‹ GLAUBENSBRÜDER IN MEKKA.«
Am nächsten Tag lässt ein Sandsturm Temperatur und Sicht um die Hälfte sinken. Das Atmen auf dem Ark fällt schwer. Von der großen Moschee ruft der Muezzin zum Freitagsgebet auf. Im Vorhof probieren Studentinnen ihr Englisch an uns aus, bevor sie zum gemeinsamen Selfie bitten. Hier residierten Bucharas Herrscher, die letzten Jahrzehnte allerdings unter dem Protektorat des Zaren. Der langsame Niedergang der Seidenstraße als globale Handelsroute hatte bereits Jahrhunderte früher mit dem gefundenen Seeweg nach Indien und China eingesetzt. Zwar stiegen danach noch immer Kamelkarawanen über die Pässe des Pamir und Tian-Chan-Gebirges, um anschließend durch die Wüsten und Steppen Zentralasiens zu ziehen, aber die Glanzzeit der Oasenstädte war vorüber. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erobern die Russen das einstige Herz der Seidenstraße. Alle Khanate werden fortan vom Zaren kontrolliert. Die für Nikolai aufwendig gebauten Paläste, an denen wir in Taschkent und Buchara vorbeischauen, hat der Zar jedoch nie besucht. »Nikolai konnte nicht kommen. Er wurde von den Bolschewiken erschossen«, entschuldigt unser usbekischer Guide Ali Burkhanov das Versäumnis des letzten Romanow. Nach der Oktoberrevolution 1917 hatten die Bolschewiken zunächst näherliegende Probleme zu lösen, als sich mit der im Mittelalter verharrenden Peripherie im Süden zu beschäftigen. Drei Jahre später bombte die Rote Armee dann doch den letzten Emir Zentralasiens aus seinem Burgpalast. Alim Khan floh mit seinen Frauen nach Kabul. Die vierzig Konkubinen habe er aus Kostengründen zurücklassen müssen, bedauert Ali. Aus den Khanaten wurden Sowjetrepubliken. Die neuen Machthaber ließen das islamische Erbe verfallen, setzten Schleierverbot und Monokultur durch und sicherten mit Zwangsumsiedlungen ihre Macht. Usbekistan wurde im Rahmen der Planwirtschaft zur Baumwollkolonie verdammt mit den bekannten ökologischen Folgen. Der Aralsee ist nur noch auf alten Landkarten existent.
Als erste der usbekischen Oasenmetropolen erlangte Chiwa 1990 den Status des UNESCO-Weltkulturerbes. Die Altstadt ist ein einzigartiges architektonisches Gesamtkunstwerk. Von einer hohen Stadtmauer aus Ton und Lehmziegeln komplett umschlossen, stehen dichtgedrängt Minarette, Medressen, Moscheen, Paläste, Karawansereien und Mausoleen auf engstem Raum zusammen und verkörpern wie nirgendwo sonst eine feudale orientalische Welt im Zeichen des Islam. Allerdings wohnen nur noch 4000 Menschen in dem durch vier Tore zugänglichen mittelalterlichen Areal. So hinterlässt das alte Chiwa im Gegensatz zum lebendigen Buchara einen eher musealen Eindruck. In den engen Gassen um die Zitadelle feilschen Heerscharen von Händlern mit einheimischen Touristen. Der abendliche Blick vom hohen Minarett der Medresse Islam Hodzha über lehmfarbene Dächer und blauglasierte Kuppeln bis zur schwefelgelben Wüste weckt Träume von 1001 Nacht.
SAMARKAND UND DER ZAUBER DER VERGANGENHEIT
Da Turkmenistan seine Grenzen für Touristen noch nicht wieder geöffnet hat, muss unser Zug in Chiwa umkehren. Man verpasst nicht viel, wenn man auf dem Rückweg vergisst, aus dem Fenster zu schauen. Mit Sandakazien bewachsene gelbe Wüste, graue Steppe, wieder Wüste. Unbefestigte Sandpisten führen zu kleinen Weilern oder verlieren sich einfach zwischen einer verirrten Schafherde in der unendlichen Weite. In dem kleinen, von Kasachen bewohnten Dorf Katakata halten wir und warten auf den Gegenzug. Eine durchaus sinnvolle Maßnahme bei einer eingleisigen Strecke. Erst kurz vor Samarkand wird es grüner. Viele Kühe und Schafe, manchmal Pferde, seltener Kamele weiden auf den Grassteppen um das einstige Herz der Seidenstraße. Vor den Toren Samarkands liegen die von russischen Archäologen wiederentdeckten Ruinen der Gräberstadt Afrosiab, nach der auch die usbekischen Schnellzüge benannt sind. Geschützt hinter dicken Museumsmauern gewähren gut erhaltene Wandmalereien einen seltenen Einblick in die vormongolische Zeit. Nur wenige Bauwerke sind der Zerstörungswut der wilden Reiterhorden entgangen. Die in Jurten lebenden Nomaden waren an Architektur nicht interessiert. »Ich möchte keine Völker sehen, die das Futter meiner Pferde fressen«, soll Dschingis Khan gesagt haben, dessen Politik der verbrannten Erde nach einer alten Chronik so weit ging, dass in Afrosiab nicht einmal jemand übrigblieb, um »an eine Wand zu pissen«.
Auch Usbekistans neuer Nationalheld Amir Timur, dessen monströse Reiterstatuen überall im Land die martialischen Lenindenkmäler abgelöst haben, zeichnete sich durch große Brutalität bei der Schaffung seines Weltreichs aus. Aber er verschonte die Eliten, vor allem die Handwerker, und ließ die Oasenstädte mit Samarkand als zentralem Schnittpunkt der Karawanenwege zu neuem Glanz entstehen. Für ein Jahrhundert waren die Seidenstraßen so sicher, »dass eine Jungfrau mit einem Topf voll Gold auf dem Kopf unbelästigt vom Osten in den Westen reisen konnte«, heißt es in der Chronik. Alle Weltkulturerbestätten Zentralasiens haben ihren einstigen Reichtum den Karawanen zu verdanken, ihre heutige Faszination auf uns Touristen aber jenen kurzen Epochen des Friedens, in denen sich Kunst, Kultur und Wissenschaft frei entfalten konnten. Seit zehn Jahren versucht bekanntlich Chinas Machthaber Xi Jinping mit dem Projekt »Neue Seidenstraße« das einstmals größte Verkehrsnetz der Erde unter neuem Vorzeichen wiederzubeleben. Unser überaus sympathischer Guide Ali sieht hingegen als tiefgläubiger Moslem die Zukunft seines Landes im moderaten Islam, blickt aber skeptisch auf die usbekische Jugend. So bedauert Ali, dass diejenigen, die etwas erreichen wollten, ins Ausland gingen. Der große Rest sei faul und würde gleich in der Schule bleiben, um Lehrer zu werden. Eine Meinung, die beim Abendessen im Orient Silk Road Express auf dem Weg nach Kasachstan nicht nur ungeteilte Zustimmung findet, sind doch gerade Angehörige dieses Berufsstands unter den Zugreisenden recht zahlreich vertreten.
Mag der Registan mit seinen majestätischen Prachtbauten, den ornamentverzierten Portalen und den türkisblauen Rundkuppeln einer der schönsten Plätze der Welt sein, das ungewöhnlichste Gebäude Samarkands liegt außerhalb der Stadt. Timurs Enkel Ulugh Beg machte Samarkand zum Wissenschaftszentrum. Auf einem Felsenhügel gegenüber der von Dschingis Khan dem Erdboden gleichgemachten alten Metropole Afrosiab ließ er ein Observatorium bauen. Mithilfe des gigantischen in den Stein geschnittenen Sextanten mit einem Radius von vierzig Metern schufen seine Astronomen einen einzigartigen Sternenkatalog, der Jahrhunderte später wegen seiner Genauigkeit in Europa berühmt werden sollte:
Wie schon in Buchara und Chiwa sind auch in Samarkand kaum verschleierte Frauen zu sehen. Die Menschen in Usbekistan sind offen und freundlich, die Händlerinnen auf den Basaren angenehm unaufdringlich. Als eine Mitreisende ihre Brieftasche unter einem Maulbeerbaum in Shahrisabz, dem Geburtsort Timurs, liegen lässt, kommt uns eine Souvenirverkäuferin durch das weitläufige Gelände hinterhergelaufen. Nur mit Mühe lässt sie sich dazu bringen, einen Finderlohn anzunehmen.
VON TURKESTAN ZU MY SSYKKÖL-SEE
Grau, staubig, monoton und ohne sichtbare Anzeichen menschlicher Aktivität erscheint die kasachische Steppe, ebenso die wenigen Siedlungen mit ihren flachen Häusern zwischen ungeteerten Straßen. In Turkestan besichtigen wir das Mausoleum des Khoja Ahmed Yasawi, eines der höchsten Heiligtümer des Islam, zu dem jeder Kasache einmal im Leben gepilgert sein sollte. In einem unscheinbaren Gebäude gegenüber dem Weltkulturerbe führt eine Treppe neben dem Haman hinunter zu einer unterirdischen Moschee, die mehr einer Grabkammer als einer Gebetsstätte gleicht. Hierhin hat sich der asketische Sufi aus Liebe zum Propheten mit 63 Jahren zurückgezogen, weil er nicht länger als Mohammed auf der Erde verweilen wollte. Tausend Monate alt soll er geworden sein, also noch fast zwanzig Jahre in dem Kellerloch mit Gebetsnische gelebt haben.
Turkestan ist für Ungläubige keine Reise wert, die Weiterfahrt nach Baikonur vielleicht schon. Aber der von Russland bis 2050 gepach-tete Weltraumbahnhof steht nicht in unserem Fahrplan, sondern ein zweitägiger Abstecher nach Kirgistan. Auf dem Weg zum Yssykköl-See überqueren wir die Grenze. Die kirgisischen Grenzmilitärs sind locker und freundlich, die kasachischen eher nicht. Komisch und beängstigend zugleich fuchteln sie in den hellerleuchteten Abteilen mit altersschwachen Taschenlampen planlos herum, während im Gang Drogenhunde schnüffeln. Ein weiterer Stempel im Pass, dann geht es endlich weiter. Schneebedeckte Berge schälen sich aus dem Morgendunst. Die atemberaubende Landschaft entschädigt für die Warterei. Am Westufer des Yssykköl endet die spektakuläre Bahntrasse. Am Bahnhof wartet ein hagerer Mann im Anzug. Eine Musikkapelle spielt auf. Kalter Wind fegt über den Bahnsteig. »Ein seltenes Ereignis, das sich oft wiederholen möge«, begrüßt uns unerwartet der Bürgermeister von Balyktschy. Kirgistan hat sich dem Tourismus geöffnet, der zweitgrößte Gebirgssee der Welt ist sein Kronjuwel. Auch Ali, der uns so kompetent durch die geheimnisvollen Oasenstädte Zentralasiens begleitet, wird im Sommer wieder Treckingtouren in die kirgisischen Schneeberge bis zum Base Camp am 7134 m hohen Pik Lenin führen, unter anderem für den deutschen Reiseveranstalter Wikinger.
ENDSTATION ALMATY
Zwei Wochen lang sind wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 57 km pro Stunde 4.500 km auf den Spuren der alten Seidenstraße durch die fremde Welt Usbekistans, Kasachstans und Kirgistans gereist. Unsere Zugfahrt endet nach einem erneuten Grenzübertritt am Bahnhof Nr. 2 in der früheren kasachischen Hauptstadt Almaty. Angesichts der vielen Schlaglöcher und fehlenden Gullydeckel in den ansonsten überaus sauberen zentralasiatischen Städten richten wir auch in Almaty nach ersten widrigen Erfahrungen den Blick beim Gehen immer wieder nach unten und fragen uns, warum die türkischen und arabischen Finanziers der überall neuentstehenden protzigen Großmoscheen nicht auch ein paar Almosen für Straßenreparaturen übrig haben.
Das imperiale Erbe der Sowjetunion wirkt bis heute in allen zentralasiatischen Ländern nach, besonders in Kasachstan. Obwohl lateinische Schriftzeichen neben den kyrillischen das Straßenbild bestimmen, ist Russisch als Verkehrssprache allgegenwärtig. Insbesondere alte Menschen trauern den vergangenen sowjetischen Zeiten nach, während die Jugend Lenin längst Goodbye gesagt hat und jetzt zwischen der Öffnung zum Westen oder der Hinwendung zum Islam schwankt. Nach der Unabhängigkeit 1991 sind viele Russen und ehemals zwangsumgesiedelte Deutsche ausgewandert. Seit dem Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine hat sich das geändert. Bisher haben 400.000 junge Menschen aus Russland in Kasachstan Zuflucht gefunden. »Wir können uns die Nachbarn nicht aussuchen. Putin muss gehen, aber Russland wird bleiben«, beschreibt unser lokaler Stadtführer Mustafa, der viele Jahre als Schaffner auf der Turksibir zwischen Almaty und Nowosibirsk gearbeitet hat, die zentralasiatische Tyrannei der Geografie. Das größte Problem in Kasachstan aber sei die Korruption. Sie habe 2022 in Almaty zu den blutig niedergeschlagenen Unruhen geführt.
Den letzten Abend in Almaty verbringen wir auf dem Hausberg. Nur 80 km Luftlinie entfernt, verbirgt sich hinter Bergketten der kirgisische Yssykköl, in dem wir vor Tagen noch geschwommen sind. Vor uns glühen die verschneiten Berggipfel in der untergehenden Sonne. Nur im Norden liegt die kasachische Steppe bereits im Dunkeln, über die seit bald 100 Jahren die Turkestan-Sibirische Eisenbahn dem größten Land der Erde entgegenrollt.
INFO
Lernidee bietet die Zugreise mit dem Orient Silk Road Express mehrmals im Jahr ab 4.750,- Euro an.
lernidee.de
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