artifex 03/2026: Naturismus
Vorlesen:
Kuriose Anlässe zum Feiern
FEIERTAGE für Naturisten
(Foto: © tunedin123/123RF.com)
Jeder Tag ist ein Feiertag. Irgendwie – und das belegen Webseiten wie Kuriose Feiertage (kuriose-feiertage.de). Sie listen all die Rituale, Begebenheiten, nationale oder internationale Feierlichkeiten auf. Hinter der deutschen Webseite steht der Bonner Sven Giese, der seit 2011 die Begebenheiten und Initiatoren dieser kuriosen Feiertage sammelt und vorstellt. Mittlerweile nähert sich die Liste der Zahl 2.000, so viele Besonderheiten möchten Menschen und Institutionen ehren.
Auch die Naturisten haben eine ganze Reihe von Feiertagen gesammelt, die wir in chronologischer Reihenfolge auflisten. Sicher ist dabei nur eins: Das ein oder andere Ereignis wird sich in Zukunft noch dazu gesellen.
Erster Freitag im Februar – Working Naked Day
Von wegen nackt ins Büro: Als die Autorin und Home-Office-Expertin Lisa Kanarek 2010 den ersten »Working Naked Day« ins Leben rief, war es für sie ein Ausdruck der völlig freien Gestaltung des Arbeitstages in den eigenen vier Wänden: Ohne feste Arbeitszeiten, ohne feste Kleiderordnung, ohne strengen Arbeitsablauf, ohne festen Arbeitsort – als Statement ihrer individuellen Freiheit im Rahmen ihres Jobs.
Der naturistische Hintergrund kam erst im Lauf der Zeit durch das Wort „nackt“, den Kanarek im Ursprung stellvertretend für Freiheit gewählt hatte, so zu arbeiten, wie man wollte, da in den eigenen vier Wänden keiner Regeln vorgab. »Natürlich liegt es auf der Hand, dass Naturisten dann ihren bevorzugten Dresscode – eben ohne Kleidung – bevorzugen«, sagt augenzwinkernd Jeannette Langner, Vorsitzende des Vereins GetNakedGermany e.V. (GNG). »Insofern ist es ein schönes Missverständnis, was vielleicht auch dazu beiträgt, der Freikörperkultur mehr Akzeptanz zu verschaffen.«
Den Vorschlag, an dem Tag einfach nackt zu arbeiten, machte Kanarek übrigens erst zum zweiten Jahrestag: „Als Teil der heutigen Feierlichkeiten können Sie sich ausziehen und in Ihrer Geburtstagskleidung (birthday suit) arbeiten oder in Ihrem Pyjama bleiben“, schrieb sie in ihrer Kolumne am 1. Februar 2011 im Bemühen, Homeoffice populärer zu machen. Das kam allerdings erst im Zuge der Pandemie, als Covid die Unternehmen und deren Mitarbeiter zu Homeoffice-Regelungen zwang.
Erster Samstag im Mai – Tag des Nacktgärtnerns
Bloß Abstand zu den Rosen – das gilt am ersten Samstag im Mai für alle diejenigen, die sich dem Welttag des Nacktgärtners aktiv anschließen. Seit 2005 ist es Tradition, an diesem Tag seine besondere Verbundenheit zur Natur zu zeigen. Die Idee publizierte vor 21 Jahren erstmals das amerikanische Nude & Natural Magazin. Dahinter standen Redakteur Mark Storey und der Permakulturist Jacob Gabriel, die den Tag als Projekt der Body Freedom Collaborative ins Leben riefen und schnell ihre Leser begeisterten. Mittlerweile wird der Tag des Nacktgärtners auf allen Kontinenten gefeiert.
»Gärtnern ist von Natur aus eine Tätigkeit, die uns mit der Erde verbindet, aber der Welttag des Nacktgärtnerns verstärkt diese Verbindung, indem er physische Barrieren beseitigt«, schreibt Edwin Kilby in seinem Blog auf der Seite des Internationalen Naturisten-Föderation INF-FNI. »Dieser Tag fördert die Achtsamkeit, bei der Menschen die Texturen, Düfte und Geräusche ihrer Gärten auf eine intime und ungefilterte Weise wahrnehmen können.« Das Einzige, was den begeisterten Naturisten einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist das Wetter. Denn in den letzten Jahren hatte das Thermometer je nach Region nur mit Müh und Not zweistellige Temperaturen erreicht. Dann hilft auch kein Warmarbeiten mehr. Deshalb gibt es diesen World Naked Gardening Day auch im Oktober: In Neuseeland fällt dieser Tag auf das letzte Wochenende im Oktober, also den klimatischen Bedingungen angepasst. Und in Kanada kursierte angeblich der Vorschlag, den Tag von Mai auf den ersten Samstag im deutlich wärmeren Juni zu legen. Unabhängig davon, wann dieser Tag gefeiert wird, er ist eine gute Gelegenheit, seinen eigenen Körper zu akzeptieren und sich mit der Erde zu verbinden.
Erster Sonntag im Juni – Welt-Naturisten-Tag
Für Naturisten ist der 1. Juni ein Feiertag: Auf der Nordhalbkugel beginnt der meteorologische Sommer – und es ist Welt-Naturisten-Tag. Funfact am Rande: Auf der Südhalbkugel feiern die Naturisten diesen Tag am ersten Sonntag im Dezember. Diesen Tag hat übrigens der Interessenverband INF-FNI, die Internationale Naturisten Föderation, bereits 2006 ins Leben gerufen: Jeden ersten Sonntag im Juni will der Verband die Aufmerksamkeit auf die Werte von FKK lenken und dafür werben.
»Beim FKK stehen Toleranz, Respekt und Rücksichtnahme an erster Stelle«, sagt Jeannette Langner. Denn leider wird FKK und Nacktsein immer wieder mit sexuellen Aktivitäten gleichgesetzt, allen voran von der Sexindustrie oder einschlägig Interessierten. Langner: »Wir wollen dem Nacktsein als natürlicher Zustand der Menschen eine breitere Akzeptanz verschaffen, ohne missverstanden zu werden.« Daher sei an dieser Stelle auf die Seite 14 mit dem »Kleinen FKK-Knigge« verwiesen, weil es dort um die wichtigen Regeln und die Etikette der Freikörperkultur geht.
Zweiter Samstag im Juli – International Skinny Dip Day
Der Internationale Nacktbadetag fällt auf den zweiten Samstag im Juli. Initiator war 2018 die American Association for Nude Recreation (AANR) zum Abschluss der sogenannten National Nude Recreation Week.
Einfach nackt ins Wasser springen und den eigenen Körper unverkrampft genießen, das war die Idee hinter dem International Skinny Dip Day, dem Nacktbadetag. Er sollte der Abschluss einer kompletten Nacktwoche dienen, bei der sich die Teilnehmer bewusst mit dem eigenen Körper auseinandersetzen und an einem positiven Körpergefühl arbeiten. Tatsächlich hat das Nacktbaden eine ganze Reihe von Vorteilen. »Ohne Badesachen ist mehr Haut der Sonne ausgesetzt, was die Produktion von Vitamin D erhöht«, wirbt Langner für das Nacktbaden. »Außerdem trocknet Haut schneller als Stoff und ohne nasse Kleidung ist nach dem Baden die Gefahr einer Infektion geringer.« Daher finden gerade an diesem Tag international zahlreiche Veranstaltungen durch Institutionen und Vereinen aus dem naturistischen Umfeld statt. Sie wollen dazu anregen, sich kritisch mit Nacktheit auseinanderzusetzen und für mehr Toleranz zu werben.
14. Juli – Internationaler Nackt-Tag
Ist er nun 50 oder doch nur 23 Jahre alt? Die Frage stellt sich, wenn man in der Historie diesen Tag den USA oder Neuseeland zuordnet. Für Sven Giese, Autor und Macher der Website kuriose-feiertage.de, lassen sich beide Versionen glaubhaft belegen. Die Amerikaner listen diesen Feiertag schon in den 1990er Jahren auf und datieren ihn auf das Jahr 1976. Demnach soll dieser Tag von amerikanischen Naturistenvereinen ins Leben gerufen worden sein.
Initiator in Neuseeland ist laut dem Bonner Autor Sven Giese der neuseeländische Rugbyspieler, TV-Moderator und Geschäftsmann Mark Ellis. Er soll 2003 während seiner TV-Show Hyundai Sports Cafe jedem eine Belohnung versprochen haben, der der damaligen Ministerpräsidentin Helen Clark nackt gegenübertritt. Das Ritual wiederholte er jährlich und es entwickelte sich daraus der neuseeländische National Nude Day, der auch schnell über die Grenzen hinaus bekannt wurde. Giese schließt aber nicht aus, dass sich Ellis vom amerikanischen Vorbild inspirieren ließ.
Zweiter Sonntag im September – Naked in Nature Day
Der zweite Sonntag im September fordert auf, sich nackt in der Natur zu bewegen. Das tut dem Körper, aber auch der Seele gut. Die Haut ist das größte Sinnesorgan des Menschen – und sie nimmt über seine Rezeptoren zum Beispiel Druck, Temperatur, Berührungen und Schmerz wahr. Wer die nackte Haut der Natur aussetzt, nimmt sie daher auch ganz anders wahr. Für australische Naturisten war das der Grund, 2019 den »Naked in Nature Day« auszurufen, immer am zweiten Sonntag im September. Der ist mittlerweile global einer der inoffiziellen »Feiertage« für Anhänger der Freikörperkultur (FKK) geworden.
Auch in Deutschland hat der Tag Einzug gehalten. »Es ist eine gute Gelegenheit, den Tag draußen – sofern es das Wetter erlaubt – mit allen Sinnen zu genießen«, sagt Langner, »Man spürt die Sonnenstrahlen, den zartesten Windhauch und die Wärme ganz anders als bekleidet.« Für Naturisten ist es daher selbstverständlich, die Natur in dem natürlichen Zustand des Menschen zu erfahren. Auch für Neugierige ist der Tag eine gute Gelegenheit, den Unterschied zwischen bekleidet und nackt auszuprobieren – und so am eigenen Leib zu spüren, wie sich die Sinneswahrnehmungen positiv verändern. »Tatsächlich steigert das Nacktsein in der Natur das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein,« wirbt Langner für den »Naked in Nature Day«. Man kann sich so langfristig vom sogenannten »Bodyshaming« befreien. Hinzu kommt noch ein gesundheitlicher Aspekt: Der Körper nimmt nackt einfach mehr Vitamin D auf.
artifex 03/2026: Naturismus - Seite 35