artifex 01/2024: Frankreich
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ARTIFEX 01/2024
DAS HERZ DER Champagne
(Foto: © Picsol)
TEXT: MICHAEL SOLTYS
Sanft hebt sich der Ballon mit seiner menschlichen Fracht in die Lüfte. Es geht ein wenig Wind, aber die Gäste im Korb brauchen keine Angst zu haben, gegen die nahe Spitze der Kirche „Notre Dame“ in der Stadt Epernay gedrückt zu werden. Sie stehen in einem Fesselballon im wörtlichen Sinne. Ein Seil sichert die mit Helium gefüllte Hülle und zieht sie nach zehn Minuten ebenso sanft wieder hinab.
Hat man im Ballon die Maximalhöhe von 150 Metern erreicht, breiten sich hinter der Kirchturmspitze die Weinberge der Champagne aus. Wir sind im Herzen eines der berühmtesten Weinbaugebiets der Welt, inmitten der Hauptstadt des Champagners. So definiert sich Epernay jedenfalls selbst. Soweit das Auge reicht erstrecken sich die Rebzeilen entlang der Montagnes de Reims, des Marne-Tals und der Côte de Blanc – Weinbaulagen, die das Herz von Champagnerfreunden höher schlagen lassen.
Fast direkt unter dem Startpunkt an der Grenze zum Stadtzentrum beginnt die „Avenue de Champagne“. Die breite Straße ist gewissermaßen die „Champs Élysées“ des Schaumweins. Weltberühmte Produzenten haben hier ihren Sitz, bieten Führungen durch ihre Keller und Verkostungen ihrer Produkte an. Beherrscht wird sie von der Zentrale des Hauses „Moët & Chandon“, weltweit einer der bekanntesten Champagner-Hersteller und Marktführer der Branche.
Eugen Mercier, Namensgeber des gleichnamigen Weinhauses, hätte sicherlich seine Freude an der Idee des Ballons als Werbemittel und Touristenattraktion gehabt. Der Weinhändler und Champagner-Produzent war ein Marketing-Profi des 19. Jahrhunderts. Zur Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 ließ Mercier bereits einen Ballon über der Hauptstadt aufsteigen. Tausende von Gästen buchten die Fahrt über die Dächer von Paris mit einem Glas Mercier-Champagner in der Hand. Innovativ war auch seine Idee, die Traubenproduzenten unter einen Hut zu bringen, erklärt Tatjana di Martino. „Mercier gründete die erste Vereinigung der Winzer in der Region“, erläutert die Sommelière, die im Auftrag des Champagnerhauses dessen Weine präsentiert. „Und er hat die Produktion zentralisiert“, fährt sie fort.
Im eigenen Haus versteht sich, was nicht unerheblich zu seinem Erfolg beigetragen hat. Die Weinbauern lieferten die Trauben, Mercier sorgte für Ausbau und Vertrieb, und das mit großer Energie. Bei einer Fahrt mit einem kleinen Zug durch die weitläufigen Keller Merciers am Ende der „Avenue de Champagne“ bekommt man weitere Einblicke in den Ideenreichtum des Firmengründers. Bis zu 30 Meter tief ließ Mercier auf einer Gesamtlänge von 18 Kilometern seine kerzengeraden Gänge in die Kreideböden der Champagner hacken, um dort seine Weine reifen zu lassen. Mit großem Aufwand empfing er seine Gäste in einem Ballsaal tief unter der Erde. Von den Kellern aus ließ er einen direkten Zugang zur nahen Bahnlinie legen, um seinen Champagner ausliefern zu können. Merciers Hang zur Größe dokumentiert auch das riesige Weinfass in der Eingangshalle des Hauses, mit einer Kapazität, die 200.000 Flaschen Champagner entspricht. Zur Weltausstellung 1889 ließ er das Fass von 24 Ochsen bis nach Paris transportieren.
Ein Stück die Marne aufwärts, vom Ballon aus gerade noch so zu erkennen, liegt die Ortschaft Aÿ. So klein und bescheiden sie mit ihren gerade einmal 4000 Einwohnern wirkt, so bedeutend sind die Champagnerhäuser, die sich in seinen Straßen hinter Gittertoren und hohen Mauern zu verbergen scheinen. Das Haus „Deutz“ dürfte der bekannteste Name in Deutschland sein, doch auch Bollinger hat hier seinen Sitz, der Champagner, der vor allem seit den Marketingauftritten in den James-Bond-Filmen Berühmtheit erlangt hat.
Zwischen diesen illustren Häusern hat sich das Familienunternehmen der Goutorbes etabliert. Nicole und René Goutorbe haben ihren Betrieb längst an ihre Söhne Etienne und Bertrand übergeben. Sie sind „aktive Rentner“, wie sie selbst sagen, „in beratender Funktion“. Rund 180.000 Flaschen produziert das Weingut pro Jahr. Kein Vergleich also mit den mehr als 60 Millionen Flaschen, die beispielsweise der Luxusgüterkonzern LVMH verkauft, zu dem neben Moët auch Mercier, Veuve Clicquot und Ruinart, das älteste Haus der Champagne, gehören.
Das Glück der Goutorbes und ihrer Nachbar-Weinhäuser: Die 429 Hektar umfassenden Weinbaulagen auf der Gemarkung sind sämtlich in der höchsten Stufe klassifiziert. Ihre Weine sind „Grand Crus“, große Gewächse. Dieses Renommee und die Strategie der Winzer, die Ware in der Krise knapp zu halten, haben geholfen, die schwierigen Jahre der Corona-Pandemie zu meistern. „Im Jahr 2020 haben wir eine gute Ernte gehabt, aber wir haben nicht alle Trauben vom Stock geholt“, sagt Nicole Goutorbe. Die ganze Champagne habe so gehandelt. Ein Jahr später sorgte ein mengenmäßig kleiner Jahrgang dafür, dass der Markt nicht überschwemmt wurde, zu Zeiten, in denen der Absatz erschwert war. „Unser Verkauf ist nur wenig gesunken“, stellt Nicole Goutorbe fest. Sommerlière Tatjana di Martino liefert dafür noch eine andere Erklärung: Weil die Menschen nicht ausgehen konnten, „haben sie sich eine bessere Flasche für zu Hause gekauft“, sagt sie. „Lieber einen großen Champagner als einen normalen.“
Seit 2015 sind die Weinberge und Weingüter der Champagne Teil des UNESCO-Welterbes. Für Dominique Leveque, den Bürgermeister von Ay, hat dies der Region ganz neue Perspektiven eröffnet. „Damit hat die Champagne ihren Ehrgeiz bewiesen, eine international anerkannte touristische Destination zu werden“, sagt er. Leveque hat noch einen ganz besonderen Grund, dies zu betonen. Zwei Jahre ist es her, dass am Ortsrand von Ay die „Pressoria“ eröffnet wurde, ein „sensorisches Museum“, wie er es nennt. Rund 20 Jahre hat es gedauert, die Pläne fertigzustellen und die frühere Kelter des Hauses Pommery umzubauen. Alle Kommunen des Marne-Tals haben das Projekt unterstützt, hebt Leveque hervor.
Anders als ein normales Museum mit seinen Sammlungen richtet sich die Pressoria „an alle fünf Sinne“, erläutert der Bürgermeister.
Betasten lässt sich der monolithische Block aus Kreide, der die Besucher in den dunkel gestalteten Gängen des Museums empfängt. Eine Videoinstallation eines Weinberges zeigt, wie sich der für die Champagne typische Boden in der feuchten Jahreszeit vollsaugt, wie tief die Wurzeln der Reben reichen, um an Wasser und Mineralien zu gelangen und wie die Kreide ihre Feuchtigkeit im Sommer an den Stock wieder abgibt. Die Wurzeln scheinen sich unter den Füßen der Besucher auszubreiten, unwillkürlich weicht man zurück.
An berührungsempfindlichen Bildschirmen können sich Kinder und Erwachsene dafür entscheiden, welche Insekten, Kriechtiere oder Wetterlagen zu den Freunden oder Feinden der Reben zählen. Im Zeitraffer entwickelt sich ein trockener Rebzweig zu einem reich mit Trauben behangenen Stock. Videowände dokumentieren die Arbeit im Weinberg parallel aus verschiedenen Perspektiven. Schließlich die Verarbeitung im Keller: Mittendrin zwischen Gärbehältern, Fässern und Maschinen zum Entkorken der Flaschen nach der zweiten Gärung scheint sich der Besucher zu bewegen, umgeben von Geräuschen der Arbeitswelt. Der Geruch der drei Haupt-Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier und ihre Entwicklung im Champagner lässt sich über großen Glasbehältern erkunden. Zum guten Schluss folgt die Praxis: die Verkostung im Glas. Jetzt kommt es auf den Geschmackssinn an.
INFO
Der Ballon von Epernay steigt auf, wenn die Windverhältnisse es erlauben. Die Fahrt kostet 14 Euro, für Kinder 7 Euro.
ballon-epernay.com
Führungen im Besucherzentrum von Mercier gibt es ab 19 Uhr inklusive der Fahrt durch die Weinkeller und einem Glas Champagner.
champagnermercier.com
Der Besuch in der Pressoria in Ay kosten 18 Euro für Erwachsene und 9 Euro für Kinder. Auch hier gibt es zum Abschluss eine Probe von Champagner.
pressoria.com
Viele Häuser in der Champagne bieten Führungen an, häufig gegen Gebühr.
champagne-henri-goutorbe.com
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