artifex 01/2024: Frankreich
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ARTIFEX 01/2024
Côte d’Azur: DER KÖNIG DER TIERE ZIEHT DURCH DIE STRASSEN
(Foto: © iStock / Michelle Silke)
TEXT: MICHAEL SOLTYS
Und das soll der Karnevalsprinz sein? Unter Getöse schiebt sich ein Wagen mit einer monströsen Figurengruppe auf die Place Masséna im Herzen von Nizza. Auf dem Kopf trägt die riesenhafte Gestalt eine Krone, die gerade noch zwischen seine Bockshörner über dem fratzenhaften Gesicht passt, er ist nicht nur ein Prinz, er ist der König des Karnevals an der Côte d’Azur, im Jahr 2022 gestaltet nach dem Motto: „König der Tiere“. Sein Kopf überragt die vierstöckigen historischen Häuser, die den Platz mit seinem großen Brunnen umgrenzen.
Langsam dreht der Wagen auf die Place Masséna ein, sodass die Zuschauer auf den dicht gedrängten Rängen Einzelheiten unterscheiden können. Der König umschlingt mit seinen Bocksbeinen einen Adler oder ist es doch nur ein rot gefärbtes überdimensionales Huhn? In der rechten Hand hält er ein Nest, aus dem die kahlen Köpfe von Küken herausragen, es könnten Geier sein. Ziegen sind auf dem Wagen zu erkennen, Menschen in traditionellen Kleidern klettern auf den Gliedmaßen herum. In einem goldfarbenen Abendkleid präsentiert sich eine menschliche Figur, die Strahlen in den Nachthimmel sendet.
Ist es die Sonne der Côte d’Azur, die seit mehr als einem Jahrhundert Menschen im Winter anlockt? Der Fantasie sind bei diesem Umzug keine Grenzen gesetzt. Im Kostüm eines Zirkusdirektors schreit ein Animateur „Faites du bruit“ in die Menge: „Machen Sie Lärm.“ Und die Menge reagiert. Sie hat Spaß an dieser Show.
Der König ist eigentlich ein Hirte. „Die Tiere, die ihn umgeben, symbolisieren die Tierwelt der nahen Mercantour-Berge“, erläutert Elizabeth Douet vom Touristenbüro in Nizza. Dem König folgt die Prinzessin in ihrem Schloss, nicht weniger riesenhaft. Ein Insekt mit durchsichtigen Flügeln hat sich auf ihrem Kopf niedergelassen, es wirkt, als ob sie vier Augen hätte. Schließlich weitere Tiere, King Kong etwa, an dessen ausgestreckten Armen ein Mann im Tropenhelm zappelt und eine Artistin halsbrecherische Figuren am Seil dreht, ungesichert, es ist schwindelerregend. Es ist ein großes Spektakel, das mehrfach in den fast drei Wochen des Festes aufgeführt wird, organisiert vom Touristenbüro und professionellen Karnevalsgesellschaften, die von Familienverbänden geführt werden, erläutert Elizabeth Douet.
Aber wo sind die Tanzmariechen? Am frühen Nachmittag haben sie sich in den Katakomben unter dem Festgelände versammelt, lassen sich ankleiden und schminken. Auf Kleiderstangen sind ihre Kostüme aufgereiht, entworfen von Caroline Roux, die, mit Sicherheitsnadeln bewaffnet, überwacht, dass die plüschigen Kostüme am richtigen Platz sitzen. Als stilisiertes Äffchen, als Schaf, als Biene, als Schmetterling verkleidet, klettern die jungen Frauen wenig später auf ihre Figurenwagen, winken ins Publikum mit Blumensträußen in der Hand, senden Kusshändchen.
Die jungen Frauen sind die Stars der zweiten Art von Umzügen beim Karneval in Nizza, dem Blumencorso, den „batailles de fleurs“. 17 Wagen mit Tiermotiven werden am Nachmittag in der frühlingshaften Luft die Tribünen entlang geschoben. Über und über sind sie mit Blumen bedeckt, vorrangig mit Mimosen, die in dieser Jahreszeit in den Bergen oberhalb des Meeres blühen. Die Kostüme zeigen die ganze Farbenpracht des Südens in einem Winter, der diesen Namen nach den Maßstäben von Menschen aus dem Norden nicht verdient. „Blumenschlachten“, so die wörtliche Übersetzung, werden die Umzüge deshalb genannt, weil am Schluss des Umzugs die Blumen tonnenweise im Publikum verteilt werden, erläutert Elizabeth Douet. Nicht ein Stängel der leuchtend gelb blühenden Mimosen bleibt auf der Straße liegen.
JAHR FÜR JAHR WOLLEN RUND EINE VIERTELMILLION MENSCHEN DAS SPEKTAKEL SEHEN, MIT DENEN DER ORT AN DER FRANZÖSISCHEN RIVIERA SEIT 1934 IM WINTER AUF SICH AUFMERKSAM MACHT.
Eine knappe Autostunde von Nizza entfernt, in Menton nahe der Grenze zu Italien, ist es die Zitrone, die im Mittelpunkt der winterlichen Feiern steht. Der Charakter eines Karnevals zeigt sich beim nächtlichen Umzug, auch in Menton ein „grand spectacle“: Tanzgruppen und Trommler flankieren große von schweren Dieselmotoren angetriebene Fahrzeuge, die als Elefant drapiert sind, als Heuschrecke oder als Pferd. Hoch über den Köpfen der Zuschauer turnen junge Frauen, die Königin und ihre Begleitung ganz in Weiß stolzieren auf Stelzen auf den Straßen entlang des Meeres.
Doch die eigentliche Attraktion ist tagsüber auf dem lang gestreckten Platz im Zentrum der Stadt entlang der Avenue Boyer zu bewundern: Mit Abertausenden von Zitronen und Orangen sind inmitten von Gärten überdimensionale Figuren aus Oper und Ballett nachgebaut worden. Vor der Kulisse der Berge hebt sich eine Figur aus der Pekinger Oper ab. Aus einem mehrere Meter hohen Cello ragt ein kostümiertes Paar aus der Zauberflöte heraus, die Frau mit stilisiertem Fächer und einer hochgetürmten Perücke. Dazu erklingen Mozarts Melodien.
Jahr für Jahr wollen rund eine Viertelmillion Menschen das Spektakel sehen, mit dem der Ort an der französischen Riviera seit 1934 im Winter auf sich aufmerksam macht. Fast 150 Tonnen echter Früchte werden für das Zitronenfest verarbeitet, von minderer Qualität, wie Alix betont. Denn in Menton selbst unterliege der Anbau von Zitronen strengen Qualitätskriterien, die Zitronen seien nicht so sehr auf Saft getrimmt, ihre Schalen lasse sich genießen und verarbeiten. Und die Frucht und die Erzeugnisse daraus, wie Marmelade oder aromatisiertes Öl, sind nicht zu Lidl-Preisen zu bekommen. Das zeigt sich an den Marktständen, die rings um den Garten aufgebaut sind.
Für die Menschen, die entlang der Stände und der Gärten schlendern und die Figuren bewundern, ist Frühling: Das Gelb-Orange der Früchte kontrastiert mit dem blauen Himmel, der von hauchdünnen Wolken nur leicht verschleiert ist. Wenige Schritte nur sind es bis zum Meer, das in vielen Farben schillert: von hell-beige bis zum tiefsten Azur-Blau.
INFO
Jährlich werden die Figuren des Karnevals neu entworfen. Er dreht sich in diesem Jahr um die Schätze des Weltkulturerbes. Seit Juli 2021 ist Nizza als „Winterurlaubsstadt an der Riviera“ Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. nicecarnaval.com
Das Zitronenfest in Menton findet vom 17. Februar bis 3. März statt. Die Figuren in der Innenstadt und beim Umzug sind nach Motiven aus Rock und Oper gestaltet. fete-du-citron.com
Das Wetter an der Cote d‘Azur im Februar ist häufig frühlingshaft. Der „Winter“ wartet mit Tagestemperaturen zwischen zwölf und 20 Grad auf. cotedazurfrance.fr
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