Vorlesen:

ARTIFEX 01/2024

Bretagne: ZAUBERHAFTE KÜSTENWELT

Mehr als ein Drittel aller Leuchttürme Frankreichs sind in der Bretagne zu finden.

FACETTENREICH: UMGEBEN VOM WILDEN ATLANTIK VERZAUBERT DIE BRETAGNE MIT IN DEN HIMMEL RAGENDEN IMPOSANTEN LEUCHTTÜRMEN, DEM GRÖSSTEN EUROPÄISCHEN ALGENFELD UND EINER VIELSEITIGEN LANDSCHAFT ZWISCHEN ZERKLÜFTETEN FELSEN UND GRÜNEN WIESEN.

Wo könnte nur …?“ Barfuß steht Claire in der Küche. Nachdenklich legt sie den Finger an den Mund, murmelt etwas von „alors oú pourrait?“. Dann lacht sie, hat eine Idee und flitzt in eine Ecke. Freunde haben der Köchin den Raum zur Verfügung gestellt. Flugs sammelt sie die entdeckten Schälchen, Teller, Messer für den anstehenden Algenkochkurs ein. Lauch, Salat und Zitronen hat die 57-jährige Köchin zuvor geschmackvoll auf einem Tisch angerichtet. Daneben schimmern in bunten Schalen seltsam aussehende Pflanzen.

Die Algen werden mit einem sogenannten Scoubidou geerntet. Foto: © Emmanuel BerthierDie Algen werden mit einem sogenannten Scoubidou geerntet. Foto: © Emmanuel Berthier

Es sind Algen. Frisch von Madame Claire Maerten am Morgen bei Ebbe geerntet, wirken sie mal fein filigran und fasrig, mal fest und im Aussehen einem platt gebügelten Fahrradschlauch ähnlich. Vor zwanzig Jahren entdeckte die Taucherin ihre Leidenschaft für die Meerespflanzen. Die Bretagne verfügt über den größten Schatz an Braun-, Rot- oder Grünalgen. 800 Sorten gibt es und alle sind essbar. Doch nur zehn Arten sind auch zum Verzehr zugelassen. „Dank ihres hohen Konzentrats an Spurenelementen, Jod, Vitaminen und Mineralsalzen haben sich Algen längst als Superfood etabliert“, erzählt Claire den Kursteilnehmern. Heute gibt es Frühlingsrollen a la Bretagne, Papilotten und einen Mandelkuchen. Es schmeckt nach Meer, nach Salzluft, vielleicht ein wenig nussig, aber ja, auch etwas gewöhnungsbedürftig.

Foto: © Emmanuel BerthierFoto: © Emmanuel Berthier

Das Haupterntegebiet befindet sich im Meeresschutzgebiet der Iroise-See rund um die rosa Granitküste der Bretagne. Während das Sonnenlicht die Granitfelsen in ein warmes Kupferrosa taucht, lädt Pauline Abörnot Wanderer zur Algen-Verkostung bei Ebbe ein. „Dank des Golfstroms und einer durchschnittlichen Wassertemperatur von 18 Grad wachsen die Algen in dieser Region besonders gut“, erklärt die 34-Jährige vom Algenmuseum in Plougonvelin. Jährlich werden rund 10.000 Tonnen Algen zu Fuß oder mit dem Boot geerntet. Die Naturführerin betont dabei: „Algen sind Alleskönner. Sie haben sieben Mal mehr Eisen als Spinat.“ Aber nicht nur in der Ernährung haben sie eine große Zukunft vor sich. „Wie schon in der Kosmetik vielfach eingesetzt, werden sie irgendwann als Ersatz für Plastik zum Beispiel im Spielzeug schon bald eine wichtige Rolle spielen.“

Auch ganz andere Lebewesen als der Mensch profitieren von der Vielseitigkeit der Alge. Die Kegelrobben der Bretagne. Bei einem Ausflug mit Christel und Lucky in ihrem Zodiac kommt man diesen liebenswerten, wenngleich sehr scheuen Tieren zumindest auf Blickkontakt sehr nahe. Die Tiere mit den schwarzen Kulleraugen nutzen die Algen als Schlafstätte. Einem Wasserstöpsel gleich, halten sie sich unter Wasser an den Algen fest. So können sie dort schlummern, während die Tiere zum Luftholen von den Wellen sanft an die Wasseroberfläche geschwappt werden.

Nur bei ruhiger See starten Christel Peron und ihr Ehemann Lucky in ihrem Zodiac ab Le Conquet ihre Tour durch den ersten Meeres-Naturpark Frankreichs. Das Besondere der Region mit ihrer Artenvielfalt und die Schutzmaßnahmen des fragilen Ökosystems liegt den beiden am Herzen. Während das Schlauchboot über das Wasser gleitet, steht Christel entspannt auf dem Rand. Leise säuselt sie die Namen einer hier lebenden Delfinkolonne. Die Tiere kennen das Boot. Und Christel kennt ihre Namen. Wer wer ist, erkennt sie an der Flossenform. Und da, kaum zehn Minuten später, sind sie da. Eine Gruppe Delfine, die zum Anfassen nah das Boot für ein Weilchen begleiten. An Bord wird es still. Jeder genießt den Moment beim Anblick dieser wunderschönen Meeresbewohner.

Eingetaucht in ein türkisfarbenes Licht, erreicht das Boot nach einer Stunde Fahrt die Insel Moléne. Die Insel gehört zum Archipel von Quessant und stellt wenngleich nicht das Ende der Welt, so doch immerhin den äußersten Zipfel Frankreichs dar.

Der Leuchtturm Pahre Ruz an der RoseGranit-Küste. Foto: © Emmanuel BerthierDer Leuchtturm Pahre Ruz an der RoseGranit-Küste. Foto: © Emmanuel Berthier

Ein beschaulicher Ort und ideal für eine Pause bei Austern und einem Glas Weißwein. Immer mit Blick auf den Atlantik raten Christel und Lucky irgendwann zum Aufbruch. Denn die  Iroise-See gehört zu den gefährlichsten Wasserstraßen der Welt. Ein Grund, warum von den 148 Leuchttürmen Frankreichs allein 20 Leuchttürme im Mer d’Iroise stehen. Darunter der berühmte 33 Meter hohe ArMen.

Wegen seiner Lage trägt er den Beinamen „Hölle aller Höllen“. Umspült von riesigen bis zu 50 Meter hohen Wellen dauerte seine Bauzeit von 1867 bis 1881. Immer wieder wurden Bauteile weggespült. Gelegen auf einem Felsen ragt selbst bei ruhiger See der Turm beklemmend in den blauen Himmel hinein. So nah es geht, fährt Lucky mit dem Zodiac an den Leuchtturm heran. Ein Wirbel aus riesigen Wassermassen umspült auch an diesem Tag den Leuchtturm. Bis heute weist er die Seefahrer auf Gefahren hin. Zum Glück aller Leuchtturmwärter geschieht das aber jetzt vollautomatisch. Ein leichtes Aufatmen ist bei den zwölf Gästen dann doch zu vernehmen, als das Boot seine Fahrt zur Küste fortsetzt.

Nach einem unvergesslichen Tag auf dem Atlantik mit seinen Schönheiten und Wundern, bildet ein Aperitif den krönenden Abschluss an diesem Tag. Der Chouchen ist das Nationalgetränk der Bretonen und eignet sich als Aperitif wie Degestif gleichermaßen. Das goldgelbe Getränk wird aus Honig hergestellt und gilt als eines der ältesten Erfrischungen der Welt. Schon die Druiden haben die Rezeptur gekannt. Manche Bretonen glauben sogar, es könnte der Zaubertrank sein, in dem Obelix als Kind bei der Zubereitung in den Kessel des Miraculix gefallen ist. Ein hübscher Gedanke. So endet die Zeit in der Bretagne glücklich und gestärkt.
bretagne-reisen.de

WUSSTEN SIE, …
… aufgrund widriger Wetterbedingungen konnten Leuchtturmwächter nicht abgelöst werden. Fast drei Monate am Stück musste einer 1922 im Leuchtturm Ar-Men ausharren. Kein Wunder also, dass die Leuchttürme im Meer als Hölle bezeichnet wurden. Die auf Inseln galten als Fegefeuer, die Leuchttürme an Land galten als das Paradies.

„DANK IHRES HOHEN KONZENTRATS AN SPURENELEMENTEN, JOD, VITAMINEN UND MINERALSALZEN HABEN SICH ALGEN LÄNGST ALS SUPERFOOD ETABLIERT.“ CLAIRE MAERTEN, KÖCHIN UND NATURFÜHRERIN

ANREISE
Flug mit Air France von verschiedenen deutschen Flughäfen nach Rennes. Anreise mit der Bahn via Brüssel bis zum Bahnhof Rennes.

Claire Maerten ist als Naturguide an der Küste unterwegs. Buchungen sowie Anfragen für einen Algenkochkurs mit Claire in Penvenan
atelierterramaris.com

ÜBERNACHTUNG
Villa Les Hydrangéas in Perros-Guirec
villaleshydrangeas.bzh/en

ALGEN-STRANDFISCHEN IN PLOUGUERNEAU
Buchung im Algenmuseum
pointe-saint-mathieu.com

EXKURSION IM ZODIAC IM MEERESNATURPARK IROISE
Abfahrt ab Le Conquet
archipelexcurisions.com

ÜBERNACHTUNG
Hostellerie de la Pointe-Mathieu Plougonvelin
Das Restaurant der Hostellerie ist mit seinem Küchenmeister Nolwenn Corre mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Die Köchin bereitet eine zeitgemäße Küche mit den Produkten der Bretagne zu.
restaurant-pointe-saint-mathieu.com 

In der Sonne liegen und wärmen. Die Kegelrobben im Naturpark Mer d‘Iroise. Foto: © Emmanuel BerthierIn der Sonne liegen und wärmen. Die Kegelrobben im Naturpark Mer d‘Iroise. Foto: © Emmanuel Berthier


artifex 01/2024: Frankreich - Seite 30