artifex 02/2026: Fernreisen
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Alaska_Ruf der Wildnis
ALASKA Ruf der Wildnis
See in Wrangell, St. Elias National Park (Foto: © iStock.com/Wirestock)
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ROLAND MOTZ
Alaska also. Auf der Inside Passage werden wir zwei Wochen nordwärts unterwegs sein, immer entlang der fjordartigen Küste im Südosten Alaskas, hat Kapitän Bent Ivar Gangdal die 457 Gäste der MS Roald Amundsen nach der Ausfahrt vor der beeindruckenden Skyline Vancouvers auf die Reise eingestimmt. Wie auf allen HX-Expeditionen sei die genaue Route, Exkursionen und Anlandungen von den Wetterbedingungen abhängig. Enden wird sie im kleinen Hafen von Seward, nahe Anchorage.
WRANGEL ISLAND
Es regnet bei unserem ersten Landgang. Andrea Coliens bringt uns im Van sechzehn Meilen auf der einzigen geteerten Straße, die aus dem kleinen Ort Wrangel in die Wildnis der gleichnamigen Insel hinausführt, zum Lachsfluss Pats Creek. Über eine Schotterpiste erreichen wir den Einstieg in den Tongass National Forest. Auf Holzstufen, Bohlen und Planken, die mit alten Fischernetzen rutschfest gemacht wurden, wagen wir den Abstieg zwischen jahrhundertealten Alaska-Zedern, Hemlock-Tannen und Sidka-Fichten. Nebelschwaden umhüllen die sechzig Meter hohen Baumkronen.
Staunend folgen wir Andrea durch das von kleinen Bächen durchzogene grüne Nass. Aus feuchtem Moos wachsen knallgelbe Riesenblumen hervor. Stinkkohl. Es riecht nach modrigem Tang. Unten am Fjord erkennen wir erst, wie dünn die Erdschicht ist, auf der die gewaltigen Nadelwälder Alaskas gedeihen.
Andrea ist eine ambitionierte Hobbyläuferin, die sich vorgenommen hat, in allen USBundesstaaten einen Ultramarathon zu laufen. Die Hälfte hat sie bereits geschafft. Zum Training läuft sie täglich mit ihrem Hund lange Strecken auf Wrangel Island. Erst zweimal sei sie Bären begegnet. Das immer mitgeführte Bärenspray musste sie allerdings noch nie einsetzen. Es gebe drei Möglichkeiten, die abgelegene, 544 km2 große Insel zu erreichen, sagt Andrea auf dem Rückweg: »Mit der wöchentlichen Fähre, mit dem Kleinflugzeug oder durch den Geburtskanal. «
Zwei Supermärkte, zwei Hardware Stores, die Walls Fargo Bank und neuerdings ein Food Truck zwischen drei Gotteshäusern für gerade einmal 2.000 Einwohner. Das ist Wrangel. »Ein einstmals so verruchter Ort braucht zur Läuterung offensichtlich viele Kirchen «, scherzt Andrea, bevor sie uns vor dem versteckt hinter Bootsschuppen liegenden Heimatmuseum absetzt. In ihm erfahren wir viel über Wrangels abenteuerliche Geschichte – von den indigenen Ureinwohnern der Tlingit zu den russischen Pelztierjägern und Kolonisatoren im Auftrag des Zaren, über die gesetzlose Zeit während des kurzen Goldrauschs bis hin zur ersten Zeitung
»MIT DER AMUNDSEN KÖNNEN WIR BUCHTEN UND GLETSCHER ANFAHREN, DIE GROSSEN KREUZFAHRTSCHIFFEN VERSCHLOSSEN BLEIBEN.« OTTAVIA CAVALL
INTO THE WILD
Ruhig gleitet die Roald Amundsen weiter nordwärts. Zwischen zahllosen Inseln zieht sich die Inland Passage als labyrinthisches Gewässer durch die Fjordlandschaft. Im Panhandle, dem Pfannenstiel, wie der südöstliche Teil Alaskas genannt wird, regnet es extrem viel. Nur so konnte auf dem schmalen Landstreifen der weltweit nördlichste Regenwald entstehen, abgeriegelt von den mächtigen Gletscherbergen der kanadischen Coast Mountains. Wasserfälle stürzen an jeder Biegung über senkrecht abfallende Granitwände. Gewaltige Urwaldriesen reichen bis ans Wasser und scheinen selbst auf nacktem Felsen zu gedeihen. Erste Eisschollen treiben im dunklen Wasser, ein Buckelwal bläst in weiter Ferne. Seeotter und Weißkopfseeadler zeigen sich bei Zodiac-Ausflügen aus nächster Nähe, wenig beeindruckt vom Motorenlärm unserer Schlauchboote. »Es ist immer aufregend. Mit der Amundsen können wir Buchten und Gletscher anfahren, die großen Kreuzfahrtschiffen verschlossen bleiben, « sagt Ottavia Cavalli, während sie leicht besorgt vom Aussichtsdeck auf die gegen dichter werdendes Eis ankämpfenden Boote schaut. Das Wetter ändere sich sehr schnell in Alaska und das Mikroklima sei nicht vorhersehbar.
Zum Team unserer Expeditionsleiterin gehört auch Norma Charlie Runfola. Die aus Nuunaqeraq stammende Yupik-Indigene lässt mich beim Kaffee an ihrem früheren Leben teilhaben. »Als Kind bin ich mit meinen Eltern den Tieren hinterhergezogen. Wir waren Kajak-Nomaden und hatten Winter- und Sommerlager in der Nähe unseres Dorfes.
»WIR WAREN KAJAK-NOMADEN UND HATTEN WINTER UND SOMMERLAGER IN DER NÄHE UNSERES DORFES .« NORMA CHARLIE RUNFOLA
Mit meinen Brüdern jagte ich Vögel, mit meinem Vater Seeotter. Wir stellten Biberfallen auf, sammelten Vogeleier und Beeren. Wir tranken Wasser aus Bächen, die ab Ende Mai so voller Lachse waren, dass man fast darüber gehen konnte, ohne nass zu werden«, sagt die 58-Jährige lachend. Nie wollte sie anders leben, schon gar nicht zur Schule ins weit entfernte katholische Internat gehen. Auch aus Angst, ihre ursprüngliche Welt, Sprache und Identität zu verlieren. Weder ihre Großeltern noch ihr Vater konnten lesen oder schreiben, ihre Mutter ein bisschen.
»Es ist eine große Herausforderung, in zwei Kulturen zu leben«, sagt Norma, die mit 27 Jahren einen angehenden Priester aus New York heiratete, mit dem sie heute in Fairbanks lebt. Bei ihrem ersten Einsatz als »Kulturbotschafterin« auf der MS Roald Amundsen habe sie am meisten verblüfft, dass es auch nichtindigene Menschen gibt, die kein Englisch sprechen würden. Um in ihr Heimatdorf am Black River zu gelangen, brauche sie doppelt so lange wie ich nach Deutschland. Bei jedem der vier Zwischenstopps müsse sie in ein noch kleineres Flugzeug umsteigen.
HAINES UND SKAGWAY
In Haines scheint erstmals die Sonne. Blauer Himmel, keine Wolke am Himmel. Mit dem Rad fahre ich am Lutak Inlet entlang zum Fjordende und folge dem Fluss hinauf zum Chilkoot Lake. Ein Angler schaut stoisch auf den See, in dem sich die schneebedeckten Berge spiegeln. Alaska wie aus dem Bilderbuch. Die Nachbarsiedlung Skagway liegt keine zehn Meilen Luftlinie entfernt hinter dem vergletscherten Bergmassiv, aber ist nur auf dem Wasserweg zu erreichen. Der windige Ort verdankt seinen Aufstieg und Niedergang dem kurzen Goldrausch 1897/98.
Hier beginnt der berüchtigte Chilkoot Trail, auf dem sich Tausende von Glücksrittern mit ihren Pferden zu Tode quälten, um zum Yukon und weiter zu den Claims am Klondike zu gelangen. Der wieder begehbare Pfad über den Pass nach Whitehorse ist heute eine fünftägige Herausforderung für sehr ambitionierte Wanderer. Die täglichen Schießereien in den Saloons, Spielhöllen und Bordellen Skagways gehören allerdings der Vergangenheit an. Ein restaurierter Broadway mit Andenkenläden und Galerien hat die verruchten Etablissements abgelöst. Selbst das nachgestellte High Noon Shooting ist trotz Trumps Wiederwahl noch immer von der Nationalpark-Verwaltung verboten. Stattdessen kann man sich von der Pferdekutsche durch die Hauptstraße ziehen lassen. Aufregender ist natürlich der Einstieg in den grenzüberschreitenden Chilkoot Trail. Schließlich hat sich schon Jack London vom mythenumwobenen Pfad zu seinem Welterfolg »Ruf der Wildnis« inspirieren lassen, der hier gleich in drei verschiedenen Ausgaben erhältlich ist.
Ein sauberer Himmel über einer großen Leere inmitten ungezähmter Natur. Das sei das, was er an Alaska so liebe, sagt meine Zufallsbekanntschaft Rob Draganov. Der 94-Jährige mit bulgarischen Wurzeln bringt mich im Jeep zum Ausgangspunkt einer Wandertour.
Es gebe alte oder mutige Buschpiloten, sagt der ehemalige Flieger, »aber keine alten mutigen«. Statistisch hätten Alaskas 8000 Piloten aufgrund des schwierigen Terrains und der extremen Wetterbedingungen ein vierfach höheres Unfallrisiko im Vergleich zu ihren Kollegen in gemäßigteren Regionen. In Haines habe er eine neue Heimat gefunden. »Hier möchte ich sterben «, sagt der alte Mann beim Abschied, »aber noch nicht gleich.« Sollte ich auf meiner Wanderung zum Battery Point wider Erwarten einem Bären begegnen, rät er mir noch, viel Lärm zu machen, keinesfalls wegzurennen, sondern sich möglichst groß hinzustellen. Nun denn.
SITKA UND DIE RUSSEN
Es regnet viel in Sitka, 2150 mm im Jahr. Wie sonst könnte auf der dünnen Erdschicht über felsigem Granit auch ein Regenwald entstehen? Ich laufe an der russischen Kirche vorbei, dem architektonischen Glanzstück des Ortes, bis ich auf dem Friedhof im quietschenden Gras vor dem Grab einer Prinzessin Maksutova stehe. Noch drei weitere Grabkreuze erinnern an die ersten russischen Kolonisatoren in Alaska, bevor der Zar 1867 den folgenreichen Sieben-Millionen-Dollar-Deal mit den USA einging, über den sich Putin heute wahrscheinlich ärgert. Im Gegensatz zu allen anderen Orten, die wir mit Zodiacs angelaufen sind, besitzt Sitka eine tiefe Fahrrinne sowie einen Landungssteg für Tenderboote, sodass auch größere Kreuzfahrtschiffe hier vor Anker gehen können. Entsprechend touristisch ist der Ort. Selbst im »Grandfather Frost«, dem russischen Christmas Store, herrscht ziemliches Gedränge. Jetzt – Ende Mai.
IM COLLEGE FJORD
Am letzten Tag ist wieder alles anders. Die Regenwolken vom Vortag sind weitergezogen. Der Himmel reißt auf. Wie in einem kitschigen Naturfilm schälen sich Alaskas phantastischste Gletscher aus dem Dunst. Der grandiose 360-Grad-Rundumblick vom Observation Deck über den College Fjord mit seinen überwältigenden Eisfronten lässt alle Herzen höherschlagen. Zum absoluten Highlight wird jedoch der unwirkliche Kajakausflug entlang der Gletscherkante. Knirschendes Eis unter den Paddeln, sonst absolute Stille. Dann ein mächtiges Grollen. Ein größerer Eisbrocken hat sich von der 60 m hohen Wand gelöst und donnert mit gewaltigem Getöse ins Meer. Sanft schaukeln die Kajaks in sicherer Entfernung zwischen wogenden Eisschollen.
In Alaska ist man immer von ungebändigter Natur umgeben, von Menschen hingegen nie, denken wir auf dem Weg von Seward zum Flughafen von Anchorage. Man solle seine Feuerwaffen nicht zum Checkpoint mitbringen, sonst drohe eine Geldstrafe von 17.062 $, heißt es auf Schildern vor der Sicherheitskontrolle. Selbst das Bärenspray, mit dem sich besonders Weitsichtige gegen die Gefahren in heimischen Wäldern schützen wollten, muss leider in Alaska bleiben. So treten wir waffenlos, aber tief beeindruckt und mit einem Rest Wildwest-Feeling im Herzen die Heimreise an.
Gut zu wissen
Anreise
Zum Beispiel mit Air Canada von Frankfurt/Main ca. 12 Stunden bis Vancouver, Rückflug von Anchorage cirka 11 Stunden.
Einreise
Reisepass oder Personalausweis müssen noch drei Monate gültig sein.
Gesundheit
keine Impfungen vorgeschrieben
Beste Reisezeit
Mai bis September
Sicherheit
Die Sicherheitslage in Alaska wird vom Auswärtigen Amt als gut eingeschätzt.
Hinweis
Die Recherche zu diesem Artikel wurde unterstützt von HX Hurtigruten Expeditions.
travelhx.com
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