artifex 02/2026: Fernreisen
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Polarexpedition_mit Hurtigruten
ABENTEUER ANTARKTIS – eine Reise ans Ende der Welt
»WIR MÜSSEN LANGE WARTEN, BIS DER ›VERKEHR‹ NACHLÄSST UND WIR DEN PINGUIN-HIGHWAY ENDLICH ÜBERQUEREN DÜRFEN .« (Foto: © iStock.com/NicoElNino)
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ROLAND MOTZ
Fin del Mundo nennt sich die südlichste Stadt der Erde, für uns fängt die Welt jenseits von Ushuaia erst an. Nach zwei wilden Seetagen durch die berüchtigten Gewässer der 800 km langen Drake Passage nähert sich die MS Fridtjof Nansen langsam der Antarktischen Halbinsel. Eine frühe Begegnung mit der lebensfeindlichen, umso faszinierenderen Welt des Eises lockt alle 350 Passagiere des zur Eisklasse 6 hochgerüsteten Hurtigruten-Schiffes trotz einer gefühlten Temperatur von minus 20° an die Reling. Unser erster Eisberg ist wohl schon vor Längerem gekippt. Die zum Vorschein gekommene Unterseite sieht aus wie Kristallglas, ist wild gezackt und hat einen skurrilen Skulpturenpark hervorgebracht. Surreal, wie ein an Dali erinnerndes Fantasiegebilde der Natur, taucht der gläserne Palast vor uns auf. Noch ein paar Jahre, dann ist der gewaltige Eisberg auf Hausgröße zusammengeschrumpft und wird als Bergy Bit bezeichnet. Klein wie ein Auto wird er danach zu den Growlern gehören, die kaum sichtbar sind, aber immer noch viele Tonnen altes Eis unter Wasser mit sich schleppen. »Von diesem sauerstofflosen und daher sehr harten Eis geht eine viel größere Gefahr aus als von den leicht zu erkennenden großen Eisbergen. Deshalb suchen zwei Offiziere auf der Brücke ständig die Wasseroberfläche nach durchsichtigen Eisplatten ab«, sagt Kapitän Bent Ivar Gangdal, dessen Vater und Großvater bereits die eisige See entlang der norwegischen Küste befuhren.
Der sechste Kontinent und Teile des Südpolarmeeres sind nahezu ganzjährig vom Eis bedeckt. 90% der weltweiten Eismenge und 70% des Süßwasservorkommens stammen von hier. Alljährlich friert das Südpolarmeer zu, und der Eisgürtel verdoppelt temporär die Größe der Antarktis. Immer wieder brechen riesige Eisberge aus dem Schelfeis, das sich weit ins Meer hinausschiebt, aber noch immer mit dem Gletscher an Land verbunden ist. Wie gigantische Tafeln weißer Schokolade kreisen sie anschließend im Antarktischen Ozean, bis sie von der zirkumpolaren Strömung nach Norden ihrem langsamen Tod entgegengetrieben werden.
JAGD NACH WALEN
Land in Sicht – es ist ein erhebender Moment, als wir erstmals eisummantelte Gletscherberge am Horizont auftauchen sehen. Vor Yalour Island dürfen wir Arie Friedländer mit dem Zodiac bei der »Waljagd« begleiten. Der Wissenschaftler der kalifornischen Universität Santa Cruz beteiligt sich seit Jahren am Science Programm von Hurtigruten Expeditions und hat sich ganz der Walforschung verschrieben. Auf dem Schlauchboot stehend wie einst Captain Ahab auf der Pequod, hält er nach den größten und schwersten Säugetieren der Erde Ausschau. Wir haben Glück. Schon bald tauchen zunächst Buckelwale, dann kleinere Zwergwale auf. Wir fahren näher heran. Mit der Armbrust schießt Arie auf ihre Rücken nahe der Flosse. Die gelben Pfeile dringen kurz durch die dicke Haut, entnehmen eine kleine Fleischprobe und fallen danach ins Wasser, wo sie aufgesammelt werden. Immerhin dreimal ist er an diesem Vormittag erfolgreich. »Sie spüren den Pfeil, aber er bereitet ihnen keinen Schmerz«, beruhigt uns Arie.
Zurück an Bord werden die Proben in kleine Reagenzgläser gefüllt und sofort ins Kühlhaus gebracht. Durch die Auswertung lassen sich Alter, Geschlecht, mögliche Schwangerschaft, Fressverhalten und sogar das Stresslevel der Tiere bestimmen. »Buckelwale fressen dreimal so viel wie bisher angenommen und müssen dafür täglich bis zu tausendmal das Maul aufreißen, um mit ihren Barten Tonnen von Krill herauszufiltern«, stellt Arie ein überraschendes Ergebnis seiner aktuellen Forschungen vor. »Für Buckelwale sieht es momentan gut aus, ihre Zahlen gehen nach oben«, sagt der wettergegerbte Kalifornier, blickt aber insgesamt pessimistisch in die Zukunft. Entscheidend für das Futterangebot sei das Meereis und das ginge wegen des Klimawandels zurück. »Weniger Eis, weniger Krill, weniger Wale«, lautet die einfache Formel. Die gelte auch für Pinguine.
ERSTE LANDGÄNGE
Zum Ausgleich für die stürmische Überfahrt werden wir bei unserem Landgang auf der Petermann-Insel mit untypischem Polarwetter empfangen. Strahlend blauer Himmel, kein Nebel, keine Wolken, kein Wind. Die kleine, nach einem deutschen Geografen benannte Insel liegt in unmittelbarer Nähe zur ukrainischen Vernadsky-Forschungsstation, deren gesammelte Daten auch in unseren Wetterbericht einfließen. Zodiac-Schlauchboote bringen uns zur Anlegestelle. Kaum beachtet von unzähligen Pinguinen waten wir mit Gummistiefeln die letzten Schritte ans Ufer. Laut Antarktis-Vertrag sind maximal hundert Passagiere gleichzeitig an Land erlaubt. Zum Schutz der fragilen antarktischen Natur dürfen wir uns nur auf Arealen bewegen, die vorab vom Expeditionsteam erkundet und mit roten Fähnchen markiert werden. Die gewaltigen Gletscher mit ihren offenen Rissen und versteckten Spalten hätten wir ohnehin gemieden. Auf einem aus Steinen aufgeschütteten Hügelgrab erinnert ein schlichtes Kreuz an drei 1982 verschollene Mitglieder der britischen Antarktis-Survey-Station
Umringt von Eselspinguinen stehen am Damoy Point auf Wiencke Island zwei verlassene Schutzhütten am Ufer. Eine britisch, die andere argentinisch. Von dort wandern wir mit Schneeschuhen im Halbkreis über die vereiste Felszunge. Immer wieder werden wir belohnt durch Ausblicke auf atemberaubende Gletscherkulissen, müssen bei der längeren Tour aber besonders aufpassen, um nicht die tief ausgetretenen Loipen der Pinguine im Eis zu zerstören. Von jeder Kolonie auf den eisfreien Felsen führen gleich mehrere solcher »Pinguine-Highways« oft über Hunderte von Metern zum Meer.
Vor einer antarktischen Traumkulisse gleiten wir weiter durch Treibeis, Packeis, aufgetürmte Eisschollen und -rinnen im bleigrauen Wasser auf den Lemaire-Kanal zu. Im Schritttempo bugsiert Kapitän Gangdal die »Nansen« in die schmale Meeresenge. Je weiter wir in den Lemaire-Kanal eintauchen, umso unwirklicher wird die Landschaft. Wie von einem schlechten Landschaftsmaler geschaffen, der viel zu viel weiße Farbe über die Leinwand gekippt hat. Schwarze Granitfelswände mit meterdicken Sahnehäubchen auf den spitzen Gipfeln markieren die Ausfahrt aus dem Märchenland. Hinter den »drei Schwestern« erreichen wir bald den breiteren Neumeyer-Kanal. Die Eiswelten in der geschützten Bucht um Port Lockroy sind nicht minder spektakulär. Mit einem fantasievollen Pinguin-Stempel in unsere Reisepässe bedanken sich die drei temporären Bewohner der verlassenen Station, die im Sommer Kreuzfahrtgästen die historische britische Museumshütte zeigen, für unsere Einladung zum Duschen und Essen an Bord.
»WEDDELLROBBEN DÖSEN IN DER MATTEN SONNE. BEIM AUFSTIEG ZUR KOLONIE VERSINKEN WIR BIS ZU DEN KNIEN IM ANGETAUTEN SCHNEE.«
NEKO HARBOUR
Am sechsten Tag unserer Reise wird der Lebenstraum vieler Gäste Realität. Wir betreten antarktisches Festland. Neko Harbour ist kein wirklicher Hafen, sondern hat seinen Namen den Walfängern zu verdanken, die hier am 64. Breitengrad einen guten Ankerplatz in unmittelbarer Nähe reicher Fanggründe vorfanden. Umgeben von mächtigen Gletschern liegt die geschützte Bucht völlig eingeschlossen im Eis. Wie eine Kohorte steht unser in blaue Windjacken gekleidete Trupp nach der Anlandung mit den Zodiacs am Ufer vor den Pinguinen, die uns auch diesmal keines Blickes würdigen. Weddellrobben dösen in der matten Sonne. Beim Aufstieg zur Kolonie versinken wir bis zu den Knien im angetauten Schnee. Hunderte von Eselspinguinen stehen dicht an dicht auf wenigen Metern eisfreiem Granit. Einige Skuas schweben über ihnen. Unbeholfen, aber zielstrebig und mit erstaunlicher Ausdauer klettern sie zu der achtzig Meter hohen Felskuppe über das Eis. Bis auf die Faulen, die ihr steinernes Nest direkt am Ufer in die Böschung gesetzt haben, und die Pfeilschnellen, die delfinartig umherspringen oder wie Torpedos in wilden Achterbahnen durch das ufernahe Polarwasser zischen. Doch die friedliche Idylle trügt. Zwei Skuas fliegen dicht über die Kolonie hinweg. Andere warten wenige Meter von der Kolonie entfernt in Ruhe auf den günstigen Moment, einem unachtsamen Pinguin das Küken von der Zehenfalte zu stehlen. Die Raubmöwen nisten häufig in der Nähe von Pinguinkolonien und starten auch gerne Scheinangriffe auf Menschen, wenn man sich ihren Nestern nähert.
Auf dem späten Rückweg zu den Zodiacs watscheln noch immer schwarzweißgestreifte Gesellen bergauf, bergab. Wir müssen lange warten, bis der »Verkehr« nachlässt und wir den Pinguin-Highway endlich überqueren dürfen. Dunkle Wolken haben sich vor die tiefstehende Sonne geschoben, die erst nach Mitternacht untergehen wird. In der zum Meer abfallenden Steilwand brüten Kormorane. Dahinter krachen mächtige Brocken vom kalbenden Gletscher mit lautem Getöse ins Wasser. Zwischen dem Trümmereis tauchen die Rückenflossen mehrerer Buckelwale auf. Am Horizont zeigen sich die vom Gletschereis niedergedrückten Bergrücken der Danco-Küste. Davor wartet im aufsteigenden Polarnebel die »Nansen« auf uns.
KURS ZU DEN SÜDSHETLANDINSELN
Über die tiefe Bransfieldstraße nehmen wir Kurs auf die langgezogene Kette der Südlichen Shetlandinseln. Zwanzig Inseln sind der Antarktischen Halbinsel vorgelagert. Weil die raue See aus der Drake-Passage im Sommer ungehindert gegen die dann eisfreie Nordseite anrennt, liegen alle Forschungsstationen an der besser geschützten Südseite. 1820 kam Bransfield bis zu der Inselgruppe und wird von den Engländern seither als der Entdecker des sechsten Kontinents gefeiert, obwohl er nie einen Fuß auf das 150 km entfernte antarktische Festland gesetzt hat. Auf Elephant Island, der nördlichsten, hat Shackleton 1916 seine Männer zurückgelassen, bevor er mit fünf Begleitern auf einem winzigen Walfangboot seine ungeheuerliche Rettungsreise zur 1300 km entfernten Insel Südgeorgien antrat, die ihn auf ewig zum britischen Nationalhelden machen sollte.
Mit etwas mehr Komfort und einem Glas Sekt in der Hand fahren wir in die faszinierende Caldera von Deception Island ein. Die hufeisenförmige Kraterinsel ist einer der wenigen historischen Orte in der Antarktis. Seinen fantastischen Naturhafen Whalers Bay haben Walfänger aller Nationen genutzt. Nachdem es in der Arktis um Spitzbergen nichts mehr zu holen gab, hat sich der Schwerpunkt des Walfangs zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Antarktis verlegt. Auf Deception Island sind die bedeutendsten Überreste des Walfangs zu finden. Bis zu sechstausend Walkadaver sollen in einer »guten Saison« gleichzeitig im rotgefärbten Eiswasser des Kratersees getrieben sein. Vulkanausbrüche in den 60-er Jahren haben fast alle Walknochen und -skelette an Land unter einer dicken Ascheschicht begraben. Doch Fabrikruinen zwischen rostenden Tranöfen und gigantischen Öltanks, vor denen sich Seeelefanten im dunklen Sand suhlen, vermitteln noch immer ein verstörendes Bild von der blutigen Geschichte des Walfangs. Ein von Unbekannten 2024 an einem der historischen Gebäude angebrachtes großes Graffiti zeigt, dass auch neuzeitlicher Wahnsinn bis in die entlegensten Ecken unseres Planeten vordringen kann.
Im Antarktischen Sund weiter nördlich taucht unerwartet unser Abschiedsgeschenk auf. Wir fahren an einem Tafeleisberg vorbei, der sich senkrecht wie mit dem Kuchenmesser geschnitten aus dem schwarzen Wasser erhebt. Eine letzte Fata Morgana der südlichen Eiswüste. Unwirklich helles Licht dringt von innen durch Spalten und Kavernen. Ein aus sich heraus leuchtendes Türkis, das wir nicht vergessen werden. Gerade als unser Schiff das Ungetüm vollständig umrundet hat, ploppt bei BBC die Nachricht auf, A23a befinde sich auf direktem Kollisionskurs mit Südgeorgien. Bereits 1986 hat sich der älteste und größte Eisberg der Erde vom Schelfeis gelöst, ist jahrzehntelang auf Grund gelaufen und bewegt sich jetzt »schnell« auf das britische Überseeterritorium mit seinen 150 Bewohnern zu. Sollte der freischwimmende Eisbrocken von der Größe Mallorcas seinen Kurs beibehalten, wären die Folgen für Menschen und Tiere verheerend.
Auch wir steuern weiter nordwärts. Nur 280 km von Südgeorgien entfernt verlassen wir die Antarktis und tauchen erneut in die gefürchtete Drake-Passage ein. Erstaunlich ruhig nähert sich unsere Expeditionsreise dem Ende. Ein fast schwarzes Meer unter grauem Himmel trägt uns zwei Tage lang friedlich der Zivilisation entgegen. Flach über den harmlosen Wellen segelnde Albatrosse begleiten die MS Fridtjof Nansen bis Kap Hoorn.
Reisetipps
Anreise
Zum Beispiel mit Lufthansa von Frankfurt/Main nach Buenos Aires ca. 13,5 Stunden, Weiterflug mit lokaler Airline nach Ushuaia 3,5 Stunden.
Einreise
Der Reisepass muss noch 6 Monate gültig sein.
Gesundheit
Es werden keine Impfungen vorgeschrieben. Es muss ein vom Hausarzt ausgefüllter medizinischer Fragebogen vorab an den Reiseveranstalter eingereicht werden.
Beste Reisezeit
November bis März
Expeditionsreise
HX – Hurtigruten Expeditions bietet die 15-tägige Reise an mehreren Terminen zwischen Oktober 2025 bis März 2027 ab 11.116 Euro an.
travelhx.com
Die Recherche zu diesem Artikel wurde unterstützt von Hurtigruten Expeditions. Die besuchten Orte waren: Yalour Island – Petermann Insel – Damoy Point – Port Lockroy – Neko Harbour – Spert Island – Deception Island – Half Moon Island
artifex 02/2026: Fernreisen - Seite 37